Leseprobe - Anchor Up To Me

Aktualisiert: Sept 3

Ich melde mich mal aus dem Off! Die letzten Monate gab es nicht viel von mir zu hören, da ich im absoluten Schreib- und Veröffentlichungsstress war. Dieser neigt sich aber nun dem Ende und ich kann stolz und aufgeregt berichten, dass es nur noch eine Woche dauert, bis Anchor Up To Me erscheint *kreisch*.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, habe ich hier eine Leseprobe für euch. Ich hoffe, sie gefällt euch! Lasst mir einen Kommentar oder eine Nachricht da :)




Prolog


Ich sehe sie.

Sie steht an den Klippen. Gebrochen und doch irgendwie so stark. Ihr kurzes Haar gleicht in der tiefroten Abendsonne den dunklen Stämmen der vielen Bäume, die hinter ihr wie eine schützende große Wand hervorragen. Es raschelt, verbindet sich mit dem Wind, verschmilzt mit der Luft. Mit mir.

Die Zeit hat ihre Spuren auf ihr hinterlassen. Tiefe Denkerfalten bohren sich in die Porzellanhaut auf ihrer Stirn, zeigen der Welt, wie stark sie wirklich ist. Was sie alles erlebt hat. Ich bin stolz auf sie, dass sie es bis hier hingeschafft hat. Dass sie lebt.

Ich trete neben sie, mustere ihr Profil noch näher. An ihrem Haaransatz versucht sie, ein paar graue Strähnen zu verstecken. Warum tut sie das? Sie ist doch so schön.

So schön, wenn sie das silberne Ankeramulett, das sie um den Hals trägt, an ihre Lippen drückt, weil sie nervös ist. So schön, wenn sie die Luft anhält und im Inneren bis drei zählt, weil sich eine Panikattacke in ihr anbahnt. So schön, wenn sie den Gefühlen freien Lauf lässt, so wie sie es sonst nie getan hatte, und endlich den Tränen ihre Freiheit gewährt.

Sie wollen raus. Sie wollen sich mit dem Wind verbinden. Ich spüre sie.

Mein Blick wandert über ihre Statur, ihre Schultern, ihre Arme bis zu ihren Händen. Sie krallt sich an dem Brief fest. So fest, dass ihre Glieder zittern.

»Shh«, mache ich, um sie zu beruhigen, und fasse ihr vorsichtig an die Schulter.

Umgehend schließt sie die Augen, lässt meine Ruhe durch ihre Adern fließen. Erschöpft legt sie den Kopf in den Nacken, die Augen fest verschlossen. Sie erinnert sich, das spüre ich. Sie erinnert sich an das Floß, das sie trägt. An den warmen Wind, der uns umgibt. An das Lachen auf unseren Lippen.

Sie atmet ein paar Mal tief durch, ich fühle ihren Herzschlag durch meine Berührung. Er rast, er ist so schnell.

»Ganz ruhig.«, sage ich und umfasse ihre zitternde Hand mit dem Brief. Dann führe ich sie hoch zu ihrem Gesicht, woraufhin sie die Augen öffnet und in meine Richtung wirft. »Lies ihn. Es ist in Ordnung.«

Sie hält kurz inne, lässt ihre schwere Atmung noch eine Weile ausklingen, bis schließlich ein warmes Lächeln über ihre Lippen huscht und sie nickt.

»Okay«, haucht sie kaum hörbar. Es ist nur ein einzelner Atemzug, ein Hauch von Nichts.

Nun greift sie auch mit der anderen Hand an den Umschlag und öffnet ihn. Mit jeder Bewegung scheint sie mehr und mehr zu zittern, doch ich halte sie, denn an diesem Ort habe ich endlich die Kraft dazu.

Vorsichtig zieht sie das gelbliche Papier hervor und öffnet es. Die Ecken des Briefes flattern im Wind, - sie tanzen mit ihm, denn sie freuen sich, dass seine Worte nun endlich am richtigen Ort sind.

Aufgeregt atmet sie ein paar Mal tief durch, bläst dann die ganze Luft aus ihren Lungen, als wolle sie damit sagen, dass sie bereit ist. Bereit für die nächste Hürde in ihrem Leben.

Kaum liest sie die ersten Worte, presst sie die Hand auf den Mund und unterdrückt einen lauten Schluchzer. Umgehend verschließen sich ihre Augen wieder, doch die Tränen sind stärker, sie pressen sich durch die zugekniffenen Lider.

»Es ist in Ordnung.«, wiederhole ich mich und streiche ihr über den Kopf. »Lass es raus.«

Sie nickt eine Zeitlang ununterbrochen, hält die Hand aber weiterhin auf ihrem Mund gepresst. Dann dasselbe Spiel von vorn: Tief durchatmen, Stand lockern und weiterlesen.

Diesmal fliegen ihre Augen über das Blatt. Egal, wie sehr sie weint, egal, wie schwer es für sie ist, kann sie nicht den Blick von den Worten abwenden. Ab und zu huscht ein trauriges Schmunzeln über ihre Lippen, was auch mich zum Lächeln bringt. Es ist schwach.

Langsam gelangt sie ans Ende des Briefes, presst dann die Lippen aufeinander und drückt das Papier gegen ihre Brust. Ihre nassen Wimpern liegen ruhend auf ihren Wangen, weil sie den Moment genießt und alles Revue passieren lässt. Immer wieder schlägt ihr brauner Mantel gegen ihren Körper und enthüllt dadurch ab und zu ihre zarte Silhouette. Es hat sich kaum etwas an ihr verändert.

In der Ferne ertönt ein dumpfes Grollen. Auch der Wind wird langsam stärker. Sie zuckt fast unmerklich zusammen und öffnet die Augen, um den Blick an den Horizont zu werfen. Dichte Wolken tun sich auf und wollen sich vor die feuerrote Sonne schieben. Immer wieder bricht sich eine Welle an dem harten Gestein. Es wirkt fast, als wolle der Ozean zu ihr hinauf, als vermisse er sie genau so sehr.

Sie öffnet den Mund und atmet die salzige Brise ein. Die kühle Luft lässt langsam ihre Wangen trocknen. Ich weiß, was sie sieht, wenn sie in die Ferne blickt. Ich weiß, dass sie sich vor dem Sturm fürchtet. Nicht, weil sie Angst vor der Naturgewalt und ihren Folgen hat, sondern weil sie sich den Erinnerungen nicht stellen will. Doch nun steht sie hier, zerzaustes Haar, rote Wangen und vor Nervosität verbissene Lippen, - und sie bewegt sich nicht. Sie stellt sich.

Sie lässt einen leisen Lacher von sich. So leise, dass man ihn in dem Heulen des Windes kaum hört. Dann sinkt sie langsam auf ihre Knie und setzt sich auf die kalten nassen Steine. Ich folge ihr, folge ihr überall hin.

Eine Zeitlang sitzen wir stumm da und genießen das Rauschen der Wellen. Sie hat das Meer lange nicht mehr gesehen, zu lange, dabei ist es doch mein Zuhause.

Vorsichtig lege ich meine Hand auf ihrem Oberschenkel ab. Er ist warm und wärmt meine blasse Haut umgehend. Sie faltet den Brief wieder zusammen und steckt ihn zurück in den Umschlag. Dann streicht sie mit dem Finger über ihren Namen, der nach all den Jahren schon etwas verblasst ist. Eine Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel und fällt auf das vergilbte Papier.

»Du fehlst mir so.«, flüstert sie dem Wind, dem Meer und dem Himmel zu.

Ich presse die Lippen aufeinander und verstärke meinen Druck an ihrem Oberschenkel. »Ich bin hier.«

Mit meinen Worten schließt sie ihre Augen und versucht zitternd ihre Atmung zu beruhigen.

Am liebsten würde ich den Moment mit ihr festhalten. Alle Momente mit ihr, damit wir immer hier her zurückkommen und alles neu durchleben können.

Ich wende mich von ihr ab und blicke zurück in den Himmel, der sich mittlerweile fast schwarz gefärbt hat. Zwischendrin gibt es immer wieder Stellen, durch die das Licht bricht. Goldenes Feuer spiegelt sich in den pechschwarzen Wolken. Ein wunderschönes Schauspiel.

Eine Strähne fällt in ihr Sichtfeld. Am liebsten hätte ich sie genommen und sie ihr hinters Ohr gestrichen, doch so schnell wie ich die Hand hebe, dreht sie den Kopf auch schon wieder weg und bändigt ihre goldene Mähne von selbst.

Und so wie der Sturm näher kommt und sich über uns aufbaut, ist es, als würde er unseren Schmerz greifen, ihn aus uns heraus reißen und mit sich mitziehen. Sie legt den Kopf in den Nacken, reckt das Gesicht in den Himmel, der Stück für Stück auch seine eigenen Tränen nun loslässt. Er wäscht ihre salzigen Wangen, die getränkt von unseren Erinnerungen sind. Mit jeder Sekunde wird ihr Haar nasser und nasser, ihr Mantel schwerer und schwerer, - und ihre Seele freier. Sie lässt los. Lässt die Gefühle los, die vergangenen Tage und Jahre voller Leid.

Ich wende den Blick ein letztes Mal auf ihre geschlossenen Augen, ehe ich mich erhebe und gehe. Mittlerweile ist es ihr fast unmöglich, sie zu öffnen, denn der Regen ist zu heftig.

Ein letztes Mal streichele ich sie mit meinem Ausdruck. Dann ist es Zeit zu gehen.

Doch ich sehe sie.

Ich sah sie immer und werde sie immer sehen.




I


6. Juli 1984


Abby


Kennt ihr den Geschmack von Blut? Kaltes Eisen.

Für mich besaß Blut jedoch immer mehrere Geschmäcker. Es war salzig, wenn ich meine Tränen nicht unterdrücken konnte, so wie ich es eigentlich sollte, sauer, wenn mir vor Schmerzen Galle den Hals hochstieg, und bitter, wenn sich letztendlich alles zu einem vermengte. Am allermeisten schmeckte es aber nach Angst. Doch nicht diese aufregende, kribbelnde Angst, die man verspürt, wenn man etwas Verbotenes macht oder kurz davor ist, seinen Schwarm zum ersten Mal zu treffen.

Nein, die Angst, die in meinem Leben präsent war, schmeckte grässlich. Sie schmeckte nach der Luft, die mir fortblieb, wenn er mich würgte, sie schmeckte nach dem widerlichen Pelz, der sich in meinem Mund verbreitete, weil mir der Sauerstoff fehlte, und sie schmeckte nach dem süßlichen Speichel, der sich in unseren Mündern zusammentut, wenn wir kurz davor sind, uns zu übergeben.

Die meisten denken, es gibt nichts Schlimmeres als die Todesangst. Diese sei die höchste Art von Furcht. Doch eine Zeitlang machte mir der Tod keine Angst, - ganz im Gegenteil. Es war die Angst zu überleben, die damals schlimmer war. Denn überleben hieß, ich würde all das nochmal durchmachen müssen, immer und immer wieder.

Lebensangst. Wenn das Leben so aussah wie meines, dann war es das, was ich fürchtete.

Bis zu diesem Punkt.

Das kalte Laub kitzelte an meinen Füßen, abgebrochene Äste bohrten sich in meine nackten Sohlen. Ich konnte kaum gerade laufen, blieb immer wieder an einer Wurzel hängen oder taumelte gegen einen großen Baumstamm. Der Boden war uneben und voller Blätter und hinter jedem Baum schienen sich gierige Kreaturen zu verstecken. Doch ich hatte keine Angst vor ihnen. Die Monster der Nacht waren meine Freunde.

In der Ferne hörte ich schon das Rauschen der Wellen. Gott, wie lange ich die frische Meeresbrise nicht mehr eingeatmet hatte, wie lange ich diese Hoffnung auf Glück nicht mehr gespürt hatte. Gleich war es vorbei, gleich war ich endlich bei meinem Bruder.

Obwohl meine Tränen mir die Sicht fast vollkommen versperrten, nahm ich schließlich ein weit entferntes Blinken wahr. Es kam vom Waldrand. Immer wieder erhellte es das Bild vor meinem Auge, immer wieder warf es tiefe Schatten der Baumstämme in den sandigen Boden. Ein Ast schlang sich um mein Bein und zog mich zurück. Ich fiel in das Laub unter mir und schlug mir mein Knie an einem Baumstumpf blutig. Eine Zeitlang verschnaufte ich ausgelaugt, beobachtete das melancholische Leuchten vor mir, das mir zeigte, dass mein Ziel nur noch wenige Schritte entfernt war. Dort war das Ende des Waldes. Dort war einer der großen Klippenvorsprünge, der mich ins Meer beförderte. Und dessen Wellen würden mich direkt in Davids Arme tragen.

Plötzlich stahl sich ein breites Lächeln auf meine Lippen. Wann hatte ich das letzte Mal gelächelt? Erleichtert rappelte ich mich wieder auf und zog mich von Baum zu Baum. Immer näher an das Leuchten, immer näher an die Weite des Meeres. Je weiter ich vortrat, desto klarer wurde mir, wie weit mich meine Orientierungslosigkeit von der Stadt entfernt hatte. Doch das war in Ordnung. Es war perfekt.

Mit dem Moment, in dem ich hinter dem letzten Baum hervortrat, peitschte der Wind des Meeres durch meine Haare. Hier unten war es deutlich kälter und windiger als auf unserem Anwesen hoch oben zwischen den dichten Bäumen. Ich verharrte eine Zeitlang keuchend am Rande des Waldes, ehe ich schließlich Schritt für Schritt den Klippen näherkam. Der Anblick war atemberaubend. Ich konnte das Glück in meinen Adern schon fühlen. Die Freiheit, die wohlige Tragfläche des Meeres. Gleich war es so weit. Gleich würde ich wieder mit David lachen können, mit ihm durch den Wald rennen, verstecken spielen und seine Hand halten können. Er würde mir verzeihen, dass ich mein Versprechen nicht hatte halten können, das wusste ich.

Meine Tränen trockneten in dem kühlen Wind sofort. David trocknete sie. Er nahm jegliche Last von mir und stärkte mich. So wie er es schon immer getan hatte.

Meine Schritte wurden kürzer, je näher ich dem Ende der Klippen kam. Jedes Mal, wenn das Licht aus der Ferne mich umgab, fiel eine weitere Last von mir. Das Leuchten war warm. Es war, als würde es mir den Unterschied zwischen Leben und Tod zeigen. Zwischen der kalten Realität und dem warmen Zusammensein mit meinem Bruder. Ich wusste, dass das Licht etwas Gutes bedeutete. Dort musste ich hin. Dort ins Licht. Dort zur Erlösung. Dort zu dir, David.



Der Morgen davor


Vogelzwitschern.

Es war so ruhig an jenem Freitagmorgen, als ich auf dem Boden des alten Baumhauses am Rande unseres privaten Sees aufwachte. Die Knochen in meinem Rücken knackten in jenem Moment, in dem ich mich aufrappelte. Für meine jungen 17 Jahre fühlte ich mich an solchen Tagen meist wie Ende 50. Es war klar, dass die harten Holzdielen mit der Zeit seine Spuren auf mir hinterlassen würden, so oft, wie ich die Nächte auf ihnen verbrachte. Doch an manchen Tagen ging es nicht anders.

Ich zog die dünne Tagesdecke um meine Schultern und trat auf den kleinen Vorsprung des Baumhauses, an dem die alte Strickleiter befestigt war. Gedankenversunken verharrte ich kurz, ließ den Anblick der feuerroten Morgensonne, die sich im Wasser unseres Sees spiegelte, auf mich wirken. Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete die Atmosphäre ein. Es konnte so idyllisch hier sein. Ein paar Möwen zogen ihre Kreise in der Luft, junge Drosseln läuteten den Tag mit ihren Hungerschreien ein und am Ufer putzten smaragdgrüne Enten ihr Gefieder. Die Wasseroberfläche war glasklar. Wie ein Spiegel zeigte sie unsere Welt in einem völlig anderen Licht. Als könnte man einfach eintauchen und auf der anderen Seite wieder hinaussteigen, als würde auf jener Seite alles besser sein. Manchmal wünschte ich, es wäre so einfach.

Ich warf den Blick auf das Anwesen meines Onkels am anderen Ufer. Als Besitzer und Erbe mehrerer Baumwollplantagen konnte er es sich leisten. Dichte Bäume umzingelten unser Grundstück, denn wir lebten am Rande des Waldes und am höchsten Punkt Saint Marys. Auf meiner Seite des Sees wurde das Grundstück zwischen den Bäumen durch einen hohen Zaun markiert, dahinter lag nichts als Wald. Im unteren Esszimmer brannte Licht. Mr. Welsh und die anderen Bediensteten waren schon im vollen Gange, den Tag vorzubereiten. Onkel Hugh hielt sich sicherlich noch in seinem Zimmer auf und übte seine Rede für den diesjährigen Wahlkampf. Es war doch klar, dass er wieder Bürgermeister werden würde, wieso machte er sich also diese Arbeit? Die Menschen liebten ihn seit acht Jahren, seine Kollegen im Stadtrat schätzten ihn, sie sahen nur das, was er ihnen preisgab oder das, was sie sehen wollten.

Ich lehnte mich mit dem Arm gegen die Wand des Baumhauses und seufzte. Sofort durchfuhr meine Schulter ein dumpfer Schmerz und ich zuckte zusammen. Für eine Sekunde hatte ich vergessen, weshalb ich die Nacht mal wieder hier oben verbracht hatte. Mein ganzer Oberarm war blau. Ich kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und versuchte, den Schmerz fort zu atmen. Mein ganzer Körper bebte eine Zeitlang, überflutet von den Erinnerungen des letzten Abends, von den Erinnerungen meines bisherigen Lebens. Wenn doch nur David hier sein könnte, wenn er das doch nur mit mir gemeinsam durchstehen könnte.

Tränen fluteten meine Sicht. Nicht wegen des Schmerzes, - an den hatte ich mich bereits gewöhnt, - viel mehr wegen den kleinen Worten Hätte und Könnte.

Heute hätte Davids 18. Geburtstag sein können. Heute hätten wir endlich unseren Plan umsetzen und abhauen können. Heute hätte er mich mit sich nehmen und bei sich verstecken können, bis auch ich die Volljährigkeit erreicht hätte.

Doch aus diesen Plänen wurden letztendlich nur noch Worte, nur noch Konjunktive. Träume, die nicht wahr wurden. Ich war nichts ohne ihn und wusste, dass ich auch nicht mehr lange ohne ihn durchhalten würde. Mein Bruder war trotz seiner Krankheit immer der Starke von uns gewesen, er hatte Mut und den Mumm, etwas zu riskieren. Neben ihm fühlte ich mich stark und meinungsvoll. Er respektierte mich, zeigte mir, dass auch meine Worte und Gedanken zählten, dass ich nicht nur irgendein unbedeutendes Mädchen war, das niemand brauchte. Er brauchte mich.

Doch nun war er schon seit fast zwei Jahren fort und auch, wenn ich ihm versprochen hatte, durchzuhalten, starb auch ich mit seiner Abwesenheit Stück für Stück.

Hastig rappelte ich mich auf, begradigte meinen Stand und trocknete meine nassen Wangen. Ich durfte nicht weinen. Ich durfte nie weinen.

Sei nicht so undankbar und hör gefälligst auf, herum zu jammern, hörte ich die Stimme meines Onkels im Inneren.

Und er hatte Recht, oder? Ich musste dankbar dafür sein, ein Dach über dem Kopf und Essen und Trinken zu haben. Ich versuchte es zumindest.

Langsam stieg ich die Strickleiter hinunter. Das moderige Floß, das David und ich vor einigen Jahren gebaut hatten, lag am Rande des Sees im Schilf. Onkel Hugh hasste es. Er hasste alles, was mit diesem Baumhaus zu tun hatte.

Ich kniete mich auf das feuchte Holz, wobei mein Rock sofort einweichte. Große Ringe breiteten sich auf der spiegelglatten Wasseroberfläche aus, die die lila Wolken am Himmel reflektierte, als ich mich vom Ufer abstieß und in die Mitte des Sees trieb. Ich hätte auch den kleinen Weg am See vorbei nehmen können, doch eine solch ruhige Fahrt über das Wasser gab mir immer ein Stückweit Frieden zurück, der mir in meinem restlichen Leben zu fehlen schien. Wie ein wohltuendes Balsam, das sich auf meine Seele legte, legten sich auch die tiefstehenden Äste über das glasklare Wasser. Von hier aus beobachtete ich tieffliegende Libellen, die in der Morgensonne ein Freudentänzchen aufführten, ein paar Fische, die unter mir in einer ganz anderen Welt zu leben schienen, oder schlichtweg Davids und mein Baumhaus, das mit jedem Zentimeter immer kleiner wurde und von dem aus ich nur ganz manchmal unser dummes kindliches Gekicher zu hören schien.

Ich ließ mir extra immer etwas Zeit, ruderte mit dem Paddel nur ab und zu, um diesen ruhigen Moment so lange wie möglich in mir zu speichern. Doch Onkel Hugh hasste Unpünktlichkeit und ich wollte ihn nicht noch mehr verärgern.

Seufzend schleppte ich das Floß zwischen die Bäume, als ich wieder an Land ankam. Sofort schwand der kurze Funken von Glück in meiner Seele, das Licht wurde gelöscht mit dem Moment, in dem ich wieder festen Grund unter den Füßen hatte, denn der harte Boden erinnerte mich nur wieder daran, dass mein Leben nicht zum Schweben gemacht war. Mein Leben besaß Regeln und Prinzipien, die eingehalten werden mussten. Mein Leben war nicht zum Träumen gemacht, egal wie sehr ich es mir manchmal wünschte.

Ich streifte meinen Rock glatt. An den Knien bohrten sich dunkle feuchte Schatten in den Stoff, die ich mit meinem Ärmel versuchte, zu entfernen. Doch es war zwecklos. Vielleicht war Onkel Hugh ja noch auf seinem Zimmer und ich konnte mich unbemerkt reinschleichen, um mir etwas Ordentliches überzuziehen.

»Miss Wincester«, begrüßte mich Mr. Welsh mit einem aufrichtigen Nicken. Auch die anderen Bediensteten stellten kurz ihre Arbeit ein und begradigten ihren Stand umgehend, als sie mich erblickten.

»Guten Morgen«, hauchte ich leise, huschte dann mit gesenktem Blick in die große, zweistöckige Eingangshalle.

Eine große antike Veranda schlang sich im ersten Stock durch den ganzen Raum und gewährte einem dadurch eine perfekte Übersicht des Einganges. Als ich hastig die ersten Schritte tat, knarzte das robuste Holz der Stufen unter mir. Doch ich kam nicht weit, Hugh stand am Ende der Treppen auf der Veranda im ersten Stock und wollte sich gerade nach unten begeben.

»Hugh«, hauchte ich erschrocken, trat dann zurück ins Erdgeschoss und begradigte mit gesenktem Blick meinen Stand.

Ich hörte, dass er die Treppen hinunter kam. Langsam und schreitend, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als ihn. Mit jedem Schritt, den er mir näherkam, wuchs die unausweichliche Angst in meinem Magen. Gänsehaut, schweißgebadete Hände, zitternde Glieder. Mein ganzer Körper rebellierte, doch ich war dazu gezwungen, ruhig zu bleiben.

»Wie siehst du denn schon wieder aus?«, tönte seine tiefe Stimme durch die große Halle. Sie war belegt mit Ekel, Hass und Arroganz. Er blieb vor mir stehen, griff dann nach meinem Kiefer und hob mein Gesicht in sein Sichtfeld, damit ich ihn ansah. Seine dunklen Augen musterten mich angewidert, als hätte ich mich seit Jahren nicht mehr gewaschen.



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