• Sophia

Leseprobe Giving Love

Aktualisiert: Aug 31

Bald ist es so weit! Giving Love - der zweite Teil meiner neuen New Adult Reihe - erscheint. Leider ein paar Tage später als geplant (jetzt am 12.09.2019), dafür habt ihr hier aber schon mal den Klappentext und eine Leseprobe!

ACHTUNG SPOILER! Wer den ersten Teil noch nicht gelesen hat, sollte hier mit dem Lesen stoppen. Den anderen wünsche ich viel Vergnügen! :)


Klappentext:

»Mein Leben besteht nur aus Lügen.

Wenn etwas darin wahr ist, dann bist du das.«


Laceys Welt liegt in Scherben. Zwei Wochen ist es her, dass Nolan ihr das Herz rausgerissen hat. Zwei Wochen voller Unverständnis, Verwirrtheit und Schmerz. Doch diesen zwei Wochen will sie ein Ende setzen. Sie nimmt sich fest vor, ihr altes Leben zurück zu bekommen, lenkt sich mit Partys und der Gesellschaft anderer ab. Doch als Nolan dann plötzlich wieder dazwischen funkt, gerät ihr kurzzeitiges Gleichgewicht ins Schwanken. Und auch Nolan selbst kämpft mit sich und dem Drang, eine wichtige Pflicht zu erfüllen. Doch für diese Pflicht muss er seine Liebe aufgeben und könnte sie wohl möglich für immer verlieren...



Leseprobe:


Prolog



Wie überlebt man ein gebrochenes Herz?

Wie schafft man es, weiterzuleben, wenn um einen herum die Welt in Flammen steht?

Sie einbricht, in Scherben liegt, die Zeit aber trotzdem weiterfließt und alle Menschen um einen herum so ruhig und normal bleiben?

Merken sie nicht, wie die Erde unter einem bebt? Hören sie nicht auch das Klimpern der Scherben um mich herum?

Ein geliebter Mensch verlässt dein Leben. Einfach so. Er geht, ohne ›Auf Wiedersehen‹ zu sagen, ohne sich zu verabschieden. Er beendet euch, fängt ein neues Leben ohne dich an, lebt weiter, während dir der Atem wegbleibt.

Und alles, was man fühlt, ist plötzlich so greifbar, so nah. Man nimmt Dinge wahr, die man vorher nie beachtet hatte. Dinge, die man als selbstverständlich genommen hatte. Dinge, deren Wichtigkeit man erst bemerkt, wenn sie fort sind: Ein flüchtiges Lächeln, eine Geste, ein Ort, an dem man gemeinsam war. Auch wenn man nur einmal vorbei gefahren ist, auch wenn der Ort sonst nichts Besonderes ist. Doch plötzlich erinnert einen alles an diese eine Person und man bekommt jedes Mal das Gefühl, man würde in einer Endlosschleife festhängen. Ein Traum, der endet, wenn man vor Angst, zu fallen, aufwacht. Eine blöde Vorstellung, die man mit einem einfachen Kopfschütteln wieder abwimmeln kann. Ein dummer, einfacher Streit, der in einem Kuss erstickt.

Doch man bleibt hängen. In dem Traum, in der Vorstellung, in dem Streit, der plötzlich kein Streit mehr sondern das vollkommene Ende ist.

Und die Welt dreht sich trotzdem weiter. Menschen laufen an dir vorbei. Sie lachen, sie albern, sie lieben. Und du stehst da, schreist innerlich, darauf hoffend, dass irgendwer dich hört.

Dass er dich hört.

Dass er das Ganze beendet. Dass er denselben Schmerz spürt. Dass er zurückkommt.

Liebeskummer ist keine schöne Phase. Eine Phase, die einen oft vergessen lässt, wer man ist und wie viel Wert man eigentlich besitzt. Man verliert nicht nur eine geliebte Person, man scheint, für kurze Zeit auch sich selbst zu verlieren. Vernachlässigt seine Bedürfnisse, seine Gefühle, sein Umfeld.

Man weint, schreit, ertrinkt in seinen Tränen, bis man das Gefühl hat, kein Wasser mehr im Körper übrig zu haben.

Man sperrt sich in seinem Zimmer ein, schottet sich von der Welt ab. Man verflucht sie. Verflucht die Welt und die Menschen darin. Denn sie hören dich nicht, hören nicht die schrecklichen Hilferufe, die in dir immer und immer wiederhallen.

Sie bemerken nicht, wie schrecklich es dir geht. Sie sind glücklich, während du unglücklich bist.

Doch sie sind da. Wie eine Welle ziehen sie dich irgendwann mit. Irgendwann, wenn du keine Kraft mehr hast, selber zu schwimmen. Wenn du keine Kraft mehr hast, aufzustehen, dich zu bewegen. Wenn du nicht mehr weißt, wie leben geht.

Dann werden sie da sein. Deine Mitmenschen. Freunde. Familie.

Sie nehmen dich, leiten dich durch den Alltag, lehren dich das Gehen neu, das Leben neu, das Lieben neu. Wie es war vor diesem schrecklichen Herzschmerz. Wie es ohne die Person war und wie es wieder sein könnte. Und man schwimmt mit der Menge, man wird mitgezogen, um gezeigt zu bekommen, was man alles im Leben verpasst.

Ja, die Welt dreht sich weiter. Die Menschen leben weiter. Sie lachen weiter. Sie lieben weiter. Doch dies ist ein Zeichen. Ein Zeichen, dass man auch weiterleben sollte. Ein Zeichen, dass man auch weiterlachen, weiterlieben sollte. Und mit der Zeit wird die Wut auf ihn, die Wut auf seine Mitmenschen, - diejenigen, die einfach so an einem vorbeigegangen sind, die deine Hilferufe nicht gehört, die weitergelebt haben, - abflauen. Sie wird verschwinden, sich in Dankbarkeit umwandeln.

Dankbarkeit dafür, dass sie einem gezeigt haben, dass das Leben weitergeht. Dass der Schmerz vorrübergeht. Dass es in Ordnung ist, zu fallen, man aber jederzeit wieder aufgeholfen bekommt. Dankbarkeit dafür, dass sie einen mitziehen, das Leben nicht vergessen lassen. Dass sie einen zusammenhalten.

Und eines Tages wirst du dort sein, ein Teil der Welle. Mit eigener Kraft schwimmend. Der Schmerz wird Vergangenheit sein, du wirst lachen. Du wirst lieben. Du wirst albern und dich für neue Fehler bereit machen.

Und dann wird da jemand sein, der in der Menge steht, innerlich schreit und weint. Der sich fragt, warum sich die Welt weiterdreht, warum du lachst, wenn es ihm so schlecht geht. Und wie die Menge dich mitgezogen hat, wirst du nun ihn mitziehen. Ihm zeigen, dass er es Wert ist, zu leben. Dass er es Wert ist, zu lieben. Dass er es Wert ist, eine erste Wahl zu sein. Dass er es Wert ist, geliebt zu werden.

Denn das ist er. Das bist du. Das seid ihr.

Jeder. Einzelne. Von. Euch.



Kapitel 1



Lacey



Der Regen nahm seit Tagen kein Ende mehr.

Schlaftrunken lag ich in meinem Bett, die Hände auf dem Bauch verschränkt und starrte in das dunkle Grau, das sich in diesem Oktober auch Himmel nannte. Komischerweise hatte ich mich vor einem Monat noch auf genau dieses Wetter gefreut, konnte es kaum abwarten, dass sich die Hitze endlich abkühlen würde und der Sommer ein Ende nahm. Doch jetzt? Jetzt war alles Scheiße.

Ich spähte einen kurzen Blick auf den Wecker neben meinem Bett. Es war kurz vor sechs, ich hatte die ganze Nacht nur drei Stunden geschlafen, - und doch schaffte ich es nicht, die Augen zu schließen, um mich noch etwas auszuruhen. In einer Stunde würde ich so oder so aufstehen müssen und diese Stunde würde meine Lage auch nicht mehr verbessern können.

Wäre das hier ein normaler Morgen, an dem ich schlichtweg einfach nicht mehr schlafen konnte, würde ich nun mein Smartphone zücken, mir witzige Videos ansehen, Candy Crush spielen oder die Snapchat-Storys meiner Freunde betrachten. Ich würde mich unbeschwert über ein Level freuen, das ich beim ersten Versuch geschafft hätte, oder würde über die dümmsten Flachwitze aus dem Internet lachen. Doch das hier war kein normaler Morgen. Es war einer von diesen qualvollen Morgen, die einen an das erinnerten, was man die letzte Nacht hoffnungslos versucht hatte, zu vergessen.

Einer von den vielen Morgen, die mich nun schon seit zwei Wochen quälten. Es war der Morgen, der den Tag einleitete, an dem ich zum ersten Mal seit dem Desastertag mit Nolan wieder die Uni besuchen würde. Und die Aufregung und Angst, die ich die ganze Nacht schon verspürte, hätte auch kein dummes Spiel auf meinem IPhone verbessern können.

Zudem wusste ich auch gar nicht mehr, wo mein Handy zurzeit war, - wahrscheinlich lag es in irgendeiner Ecke meines Zimmers. Ich hatte es seit Tagen nicht mehr berührt, geschweige denn gesehen. Mit jedem Hoffnungsschimmer, der mit jeder Nachricht, die nicht von ihm war, zunichte gemacht wurde, rammte ich mir immer tiefer das Messer ins Herz, und das musste langsam enden. Zu lange hatte ich auf ihn gewartet. Auf seine Nachrichten gewartet. Darauf, dass er mich anrief, mir sagte, dass es ihm leid tat und dies nur ein weiterer dummer Streit zwischen uns war, den man mit einem einfachen Kuss hätte klären können. Doch mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden, dass er sich nicht melden würde. Er würde sich nie wieder melden. Wozu brauchte ich dann überhaupt ein Smartphone?

Die letzten Wochen hatte ich nur damit verbracht, mich in mein Zimmer zu verschanzen, mich zu verstecken, zu weinen und in Selbstmitleid zu ertrinken, um für Außenstehende genug Kraft aufzubringen, mir meinen Kummer nicht anmerken zu lassen. Ich mied die Orte, die mich an Nolan erinnerten. Sei es die Mensa, die Eingangshalle der Uni, der bekloppte Bordstein, an dem er so oft sein Motorrad abgestellt hatte, der Boxclub oder auch nur der Parkplatz vor unserer Haustür, auf dem ich ihm damals die erste hoffnungslose Abfuhr erteilt hatte. Jeder einzelne Platz in dieser Stadt schmerzte wie tausend Tritte in die Magengrube, und so blieb ich demonstrativ in meinem Bett, - der einzige Ort, den Nolan noch nicht verflucht hatte.

Logan hatte meine Stimmung sofort richtig gedeutet und kommentarlos unzählige meiner Schichten übernommen, - wofür ich ihm mehr als dankbar war. Auch Ellen und Hailey ließen mich zum Glück in Frieden, nervten mich nicht mit hoffnungslosen Aufmunterungsversuchen und fragten mich zu meiner Stimmung auch nicht aus.

Seit jenem Vorfall hatte ich kaum mehr ein Wort gesprochen - nur das Nötigste - und somit wusste bisher auch niemand von den Geschehnissen. Da ich in den letzten Wochen aber äußerlich so gut wie einem Zombie geglichen hatte und meine Stimmung, - auch wenn ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, - mich definitiv verriet, konnten sich meine Freunde den Grund dafür sicherlich schon denken.

Meine Beine waren taub, als ich sie vorsichtig aus dem Bett schwang und mich zum Aufstehen aufrappelte. Auf dem harten Fußboden fühlten sich meine kribbeligen Füße an, als wären sie in Watte eingepackt und aufs doppelte angeschwollen. Ich hatte eindeutig zu lange gelegen, mich nicht genug bewegt und somit sämtliche Blutzufuhren unterbunden. Ich wusste, der heutige Tag würde kraftaufwändig werden. Nicht nur, weil ich sämtlichen Stoff nachholen musste, sondern auch, weil ich meinen Schmerz niemanden zeigen wollte. Erst recht nicht Nolan.

Behutsam tappte ich mich durch das düstere Zimmer, nachdem meine Gliedmaßen langsam wieder zu sich gekommen waren. Mit jedem Schritt pochte mein Schädel, doch das war mir egal. Mir war es sogar egal, als ich auf dem Flur Hailey begegnete und einen besorgten und bemitleidenswerten Blick erntete. Ich musste schrecklich aussehen. Also schloss ich mich schließlich im Badezimmer ein und versuchte hoffnungslos, die Erschöpfung in einer langen Dusche abzuwaschen. Anschließend malte ich mir ein perfektes Gesicht auf, verdeckte die dunklen Augenringe, meine Gefühle und meinen Schmerz, und zeichnete mir ein dickes, rotes Lächeln auf die Lippen.

Wenn mich Nolan sehen sollte, dann wollte ich mir nichts anmerken lassen.

»Lace?« Ein leises Klopfen ertönte an der Badezimmertür. »Bist du fertig? Wir müssen gleich los.«, meinte Hailey etwas zaghaft. Ihre Stimmlage war leise und vorsichtig, - sie hatte Angst mich zu bedrängen.

»Komme. Eine Minute noch.«, trällerte ich etwas zu aufgesetzt, um ihr meine Angst und Aufregung nicht zu zeigen. Mein Plan war es, in meinen alten Alltag so gut es ging wieder einzusteigen. Ohne mein zweiwöchiges Koma jemanden erklären zu müssen, ohne an Nolan zu denken, ohne weiteren Herzschmerz. - So, als wäre ich nie fort gewesen.

Ein letztes Mal tupfte ich Concealer unter meine Augen, puderte mir Rouge auf die Wangen und schenkte meinem Spiegelbild dann schließlich ein breites, mit Lippenstift bemaltes Lächeln. Es wirkte gequält und müde, doch für den Anfang genügte es.

Als ich schließlich vollkommen aufgebrezelt, umgezogen und zurecht gemacht in den Hausflur trat, erntete ich von meinen Freundinnen ein skeptisches Schmunzeln.

»Seit wann trägst du Lippenstift?«, musterte Ellen mich. Hailey warf ihr einen warnenden Blick zu, doch ich zuckte nur mit den Schultern.

»Seit heute.«, grinste ich aufgesetzt und drückte mich schließlich zwischen den beiden aus der Wohnung.

Auf der Fahrt zur Uni wurde mir etwas übel, versuchte die Panik aber ständig wieder hinunterzuschlucken. Das letzte Mal, als ich dieses Gelände betreten hatte, war ich hoffnungsvoll, zuversichtlich und überglücklich gewesen. Diese Gefühle gab es nun nicht mehr in mir, - egal wie breit ich mit meinen roten Lippen auch grinste.

»Du siehst toll aus.«, meinte Hailey und drückte meine Hand, als sie meinen panikerfüllten Blick bemerkte. »Das wird schon.«

Als wüsste ich nicht, was sie meinte, zuckte ich nur mit den Schultern und winkte locker ab. »Ja, den Stoff bekomme ich sicherlich in einer Woche wieder drauf. Mach dir keine Sorgen.«

Sie musterte mich noch eine Weile traurig, presste die Lippen aufeinander, nickte dann aber schließlich und nahm meine Lüge so hin. Auch wenn sie nichts von Nolans Verlobung wusste, war es ihr doch mehr als klar, dass der wahre Grund für meine Unsicherheit nicht in dem verpassten Stoff lag, - sondern in ihm.

Zwei Wochen ohne Uni? - Unmöglich.

Es war schon schlimm genug, dass ich überhaupt die letzten Wochen alles verpasst hatte, doch der Schlafmangel, Liebeskummer und die Erschöpfung hinderten mich nun auch noch in meiner Konzentration. Ellen hatte mir die letzten Wochen zum Glück viel Material mitgebracht und auch in den anderen Kursen wurde ich auf dem Laufenden gehalten. Doch der Stoff, den ich nachholen musste, war so umfangreich, dass ich darin allmählich versank. Wieso hatte ich es nur so weit kommen gelassen?

Immer wieder nickte ich in den Vorlesungen ein, versuchte, meine Müdigkeit in drei Becher Kaffee zu ertrinken und schweifte ständig mit den Gedanken ab. Auch wenn ich wusste, dass Nolans Vorlesungen in einem ganz anderen Gebäude stattfanden, sah ich mich auf den Gängen doch immer wieder panisch nach ihm um, verließ als Letzte den Hörsaal und fand öfters Schutz auf der Mädchentoilette, um dort meinen Gefühlen wieder etwas Freiraum zu lassen. Dass ich meine Konzentration ausgerechnet in Professor Lefevres Vorlesung mit Ellen wiederfand, hätte ich niemals gedacht. Doch sie handelte über die Malerei der Renaissance, was meiner Meinung nach mit Künstlern wie Da Vinci, Michelangelo und Cranach die Epoche mit den schönsten, gefühlvollsten und interessantesten Werken aller Zeiten war. Meine Begeisterung und mein Interesse veranlasste mein Kopf allmählich dazu, wieder empfänglich für Informationen zu werden, und so schaffte ich es schließlich, - auch wenn es nur für zwei Stunden war, - Nolan aus meinem Gedächtnis zu verbannen.

Auch den nächsten Tag brachte ich erfolgreich ohne Zwischenfälle über mich. Morgens kleisterte ich mir ein Lächeln auf, in den Vorlesungen wurde mein Gehirn durch den Stress so stark eingebunden, dass für Gedanken an Nolan allmählich kein Platz mehr war, und auch Nachmittags widmete ich mich so stark dem Lernen, dass ich es seit langem endlich mal wieder schaffte, die Nacht durchzuschlafen. Abends besuchte ich zum ersten Mal wieder das Training, allerdings in einem anderen Boxclub. Für den alten war es einfach noch zu früh, dort lauerten zu viele Erinnerungen. Für das Training brauchte ich Kraft, - in Nolans und meinem alten Trainingszimmer würde mir allerdings sofort jegliche Kraft genommen werden. Deswegen entschied ich mich für einen Boxclub in Abington, in dem ich mich vorerst ohne Trainer einnistete. Ich brauchte keine Hilfe, das würde ich auch alleine hinbekommen. Und so war ich nach dem Boxen so erschöpft, dass sich jegliche Müdigkeit sofort in Schlaf umwandelte. Für Gedanken an Nolan blieb da im Moment einfach keine Zeit, - auch wenn er tief in meinem Kopf verankert war. Doch so langsam bekam ich Hoffnung, dass ich diese schwere Zeit schneller hinter mich bringen würde als erwartet, - doch da wusste ich noch nicht, dass dies hier erst der Anfang war.


»Ich werde nie wieder auch nur zwei Tage die Uni ausfallen lassen.«, jammerte ich Mittwochmittag, als ich mich mit Hailey und Ellen in der Mensa niederließ. Etwas unauffällig hatte ich sie an einen Tisch in der hintersten Ecke geführt, nur für den Fall, dass Nolan auftauchen sollte.

»Ach komm, beim ´Fevre bist du mittlerweile schon weiter als ich und die anderen Module bekommst du auch locker hin.«, neckte Ellen mich, als sie ihr halbes Hähnchen auseinander nahm. Naserümpfend beobachtete ich sie dabei.

»Warst du gestern mal wieder trainieren?«, fragte Hailey teils erfreut, teils besorgt und deutete auf meine wunden Knöchel.

Etwas schüchtern rieb ich diese schließlich und zog die Ärmel darüber. Nun musterte auch Ellen sie skeptisch, durchbohrte mich dann mit einem stählernen Blick, bei dem mir sofort mulmig zumute wurde. Was die beiden wohl dachten? In ihnen mussten tausende von Fragen schlummern.

»Ja, hat ganz gut getan.«, schmunzelte ich und nickte, ehe ich mich meinem Essen wieder widmete. Eine gefühlte Ewigkeit herrschte Stille zwischen uns. Im Augenwinkel bemerkte ich, dass Ellen und Hailey sich ständig skeptische Blicke zuwarfen, als stünden unausgesprochene Worte zwischen uns, - was ja auch der Fall war.

Schließlich verdrehte ich die Augen und schnaubte verächtlich. »Bitte schaut mich nicht so an!«

Hailey öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, brachte aber kein Wort heraus. Auch Ellen quälte mich weiterhin mit ihrem traurigen Blick, der so viel aussagte wie ›Ich weiß ganz genau, dass du uns nur etwas vorgaukelst‹.

»Fein«, meinte ich schließlich und warf schulterzuckend die Gabel auf meinen Teller. »Hört zu, es geht mir wirklich gut. Nolan und ich haben beschlossen, dass die ganze Sache ein Fehler war, es zwischen uns viel zu schnell ging und wir letztendlich ohne den anderen besser dran sind.«

Die Worte brannten wie Säure auf meiner Zunge und das unnahbare Lächeln, das ich aufsetzte, ließ meine Gesichtsmuskeln zucken. Ich hasste es, meine Freundinnen zu belügen. Was ich aber noch mehr hasste, war, die Sache mit Nolan darzustellen, als wäre sie mir egal. Sie als ›weniger‹ zu beschreiben, als sie es wirklich war. Was Nolan und ich hatten, konnte man nicht in Worte fassen, man konnte es nicht beschreiben. Es war zu groß, zu tiefgründig, um es für das menschliche Gehirn verständlich zu machen. Niemand würde es jemals verstehen, denn es gehörte nur uns. Auch wenn es zerbrach, auch wenn er uns letztendlich zerstörte.

»Lacey«, hauchte Hailey und fasste über den Tisch hinweg nach meiner Hand.

Lacey. So hatte mich Nolan immer genannt. So durfte nur er mich nennen. Hektisch zog ich meine Hand weg und verlor für eine Sekunde die grinsende Clownsmaske aus meinem Gesicht. »Nenn mich nicht so!«

Während Ellen mich immer noch skeptisch durchbohrte, - ich war mir sicher, dass sie bisher kein einziges Mal geblinzelt hatte, - zuckte Hailey nur überrascht zusammen. Ich wusste, wie verwirrend meine Worte für sie klangen. Sie kannten den Hintergrund für meine Bitte nicht. Sie wussten nicht, was dieser Name, diese fünf Buchstaben seitdem mit mir machten. Sie wussten nicht, was ich die letzten Wochen durchlebt hatte.

»Tut mir leid« Ich fasste mich wieder, blinzelte die neblige Sicht vor meiner Pupille weg und erinnerte mich an mein Lächeln. Niemand sollte meinen Schmerz sehen. Zwei Tage hatte ich es nun schon geschafft, ihn zu untergraben, das sollte mein dummer Name nun auch nicht mehr ändern.

»Bitte nenn mich Lace.«, schmunzelte ich. »Ich mag meinen Spitznamen lieber.«

Immer noch sichtlich überrascht zog Hailey die Brauen in die Höhe, beließ es aber zum Glück dabei und hakte nicht weiter nach.

»Gibt es sonst irgendetwas neues?«, fragte ich schließlich, um das Thema Nolan ganz abzuhaken.

Und mit dieser Frage regte sich Ellen endlich wieder, stieß mit einem Mal die ganze Luft aus, welche sie wahrscheinlich angespannt davon abgehalten hatte, mich mit Fragen und Andeutungen zu überhäufen.

»Eigentlich nicht viel.«, zuckte sie mit den Schultern, nachdem sie sich ein Stück Hähnchen in den Mund geschoben hatte. »Wie‘s aussieht, werde ich meinen Geburtstag im Fat Angel feiern.«

Geburtstag? Scheiße! In meinem Liebeskummer hatte ich ganz vergessen, dass Ellen am Wochenende Geburtstag hatte. Zum Glück war ich früh genug aus meinem Koma wieder aufgewacht.

»Ich werde Freitag auf Samstag reinfeiern, und Hailey, ich möchte, dass du diesmal auch etwas trinkst und die Party genießt.«, befahl sie unserer Freundin, die nur die Augen verdrehte. »Ich meine das ernst. Ich wünsche mir nichts von dir, nur, dass du endlich mal Spaß hast und nicht wie ein Häufchen Elend in der Ecke liegst.«

Ellens Blick zappte zu mir, ehe sie mich schließlich wieder ganz ins Visier nahm und meine Mimik studierte. »Das gilt auch für dich.«, deutete sie schließlich kopfnickend in meine Richtung, woraufhin ich nur belustigt schnaubte.

»Natürlich werde ich Spaß haben! Ich kann’s kaum abwarten!«, jubelte ich, was zum Teil eigentlich gar nicht gelogen war. Auch wenn ich Ellens Geburtstag für kurze Zeit vergessen hatte, freute ich mich doch schon lange darauf und wusste, dass der Alkohol und die laute Musik mich auf andere Gedanken bringen würden.

»Hast du schon alles abgeklärt mit deinem Chef?«, fragte Hailey schließlich.

»Ja, wir bekommen einen eigenen Bereich. Alles ist reserviert und gebucht.«

»Und wer wird alles kommen?«

Ellen warf den Kopf in den Nacken und fing dann an, aufzuzählen. »Also ihr beiden, Karen, zwei Freunde von Karen, Logan, Ben, noch zwei andere Arbeitskollegen und die bringen auch noch jemanden mit.«

»Hast du Logan schon Bescheid gegeben?« Ich lehnte mich interessiert über den Tisch.

»Ja, ich habe ihn die letzte Woche ein paar Mal gesehen.« Ellens Blick wurde etwas härter. »Vielleicht solltest du dich auch Mal wieder bei ihm melden. Er macht sich Sorgen.«

Ich wusste, dass Ellen mit der Liebe nichts anfangen konnte. Was sie aber noch weniger mochte, war, wenn man sich davon verzehren ließ und seine Freunde vernachlässigte. Und ja, Ellen hatte Recht. Auch wenn ich die zwei Wochen für mich gebraucht hatte, war es doch nun wieder höchste Zeit, meine Freunde in mein Leben zurück zu lassen.

»Ich melde mich später direkt bei ihm. Werde am Wochenende denke ich auch mal wieder arbeiten gehen, ich vermisse ihn schon.«, meinte ich und warf Ellen ein ehrliches Lächeln zu.

Nun wurde auch ihr Blick endlich wieder weicher. Nickend erwiderte sie mein Lächeln und erlöste mich schließlich von ihrer stählernen Miene.

Nach dem Mittagessen machten wir uns gemeinsam auf den Weg zu unseren nächsten Vorlesungen. Da Haileys im selben Gebäude stattfand, hatten wir fast denselben Weg, und so unterhielten wir uns noch ein wenig über die Party. Meine Stimmung hatte sich trotz des kurzen Zwischenfalls wieder um einiges gebessert und ich war froh, dass wir drei uns wieder ein wenig näher standen und ich Ablenkung bei ihnen finden konnte. Der Gang war gefüllt von kleineren Grüppchen, die sich vor den Hörsälen versammelten und Gelerntes besprachen. Als wir enthusiastisch um die Ecke bogen und nichtsahnend über einen nervigen One-Night-Stand von Ellen lachten, stieß ich plötzlich gegen etwas Hartes, - und fiel damit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Mein Kopf schmerzte, bunte Sterne traten mir vor die Iris und ich schwankte. Doch das nahm ich in dem Moment gar nicht war. Ich sah nur den Grund für meinen abrupten Zusammenstoß. Den Grund für die stechenden Sternchen. Den Grund für mein zweiwöchiges Koma.

Nolans und meine Augen trafen sich, verschmolzen miteinander, küssten sich. Wie in Zeitlupe nahm ich das kurze Flackern hinter seiner Iris in mir auf. Die Überraschung, die Verwirrtheit, Scham. Die Liebe, die so schnell wieder verflog, dass ich nicht mal mehr wusste, ob sie real war oder nicht. Ich hielt die Luft an und obwohl meine Lungen allmählich zu drücken begannen, schaffte ich es nicht, sie zu leeren.

Mich zu bewegen.

Irgendetwas zu tun.

Wie angewurzelt standen wir dort. Erstarrt. Versteinert. Wie zwei entrissene Seelen, die für kurze Zeit wieder vereint waren, sich aber auf langfristige Sicht gegenseitig nichts weiter als Schaden zufügen würden.

Nolans Miene verhärtete sich. Er kam als erster von uns beiden wieder in der Realität an. Etwas benommen blickte er sich auf dem Gang um, entdeckte die verwirrten Blicke meiner Freundinnen und musterte mich schließlich mit diesem widerlichen, arroganten und unehrlichen Lächeln, das ich einst an ihm ganz reizvoll gefunden hatte. Doch jetzt, wo ich sein echtes, sein wunderschönes Lächeln in Erinnerung hatte und erkannte, dass er mir dieses wahrscheinlich nie wieder zeigen würde, zerbrach in mir jegliche übriggebliebene Hoffnung.

Immer und immer wieder. Auf Dauerschleife.

Hoffnung, es in Zukunft nochmal zu Gesicht zu bekommen. Hoffnung, dass er seine Worte, seine Taten bereute. Hoffnung, dass es vielleicht doch irgendwann nochmal ein Wir geben könnte.

»Sorry«, meinte er nur, drückte sich dann an mir vorbei, wodurch ich ausgelaugt an die Wand fiel.

Er war fort, - schon wieder, - und übrig blieb der leere Gang in meinem Sichtfeld. Doch auch dieser schwand allmählich, verblasste. Meine Augen füllten sich mit Eimern von Tränen. Ich hatte keine Kraft mehr, sie zurückzuhalten, hatte keine Kraft mehr, mein Lächeln, meine Gleichgültigkeit aufrecht zu erhalten. Mit einem Mal sackte jegliche Luft und damit ein quälender Schluchzer aus meinen Lungen. Ich fand letzten Halt an der kahlen Wand, an die Nolan - mein Nolan - mich soeben vollkommen grob entgegenpusht hatte.

»Lace« Hailey fasste mich am Rücken und versuchte, mich auf den Beinen zu halten. Doch das brachte mich nur dazu, meinen Fluchtweg anzutreten. Ich musste hier weg. Alles war mir zu viel. Der Gang erdrückte mich, die Blicke der anderen durchbohrten mich, die Gefühle nahmen mir jegliche Kraft zum Atmen.

Ich hastete den Flur hinunter, keuchte schwer, als ich hoffnungslos versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Doch sie brannten in meinen Augen, verätzten meine Sicht.

In der Ferne entdeckte ich die Tür der Unitoilette, - mein Rückzugsort für die nächsten Stunden.

»Lace!« Haileys quirlige Stimme drang zu mir hervor. Voller Sorge und Überraschung erklang sie hinter mir. Doch ich dachte nicht daran, anzuhalten. Ellen und Hailey hatten genug mitbekommen. Sie über die Lüge aufzuklären, war im Moment das Letzte, was ich wollte.

Als ich in die Toilette flüchtete, hatte ich bereits jegliche Kraft auf der Strecke gelassen. Doch ich schaffte es noch im letzten Moment, mich tränengetränkt und mit vernebelter Sicht in meiner Lieblingskabine einzuschließen, ehe ich schließlich auf dem Boden zusammenbrach.

»Verdammt, Lace!« Die Tür wurde erneut geöffnet. Ich hörte zaghafte Schritte, die vor meiner Kabine Halt machten. »Bitte mach auf.«

»Lass mich bitte in Ruhe, Hailey.«, hauchte ich zitternd und stieß meinen Kopf gegen die angezogenen Knie. Ich hielt die Luft an, spürte, wie sich eine Grimasse in meinem Gesicht breit machte. Mein kompletter Körper bebte, denn er wollte sich von diesem Schmerz befreien. Er wollte ihn rauslassen, Ballast ablassen. Doch das ging nicht, wenn Hailey mich hörte.

»Nein, Lace. Ich lasse dich jetzt nicht alleine. Bitte rede mit mir.«

Ich kniff die Augen zusammen, legte dann den Kopf in den Nacken und stieß ihn ein paar Mal gegen die harten Fliesen an der Wand. Dass diese wahrscheinlich voller Bakterien und Schmutz waren, kümmerte mich im Moment nicht. Ich hätte krank werden können, eine Grippe oder Fieber, alles wäre besser gewesen als dieser unausweichliche Herzschmerz.

Durch den Schleier meiner Tränen entdeckte ich Ellens Boots, die sich durch die große Tür drückten. Sie blieben am Eingang stehen, lehnten sich an die Wand und verharrten dort. Ich konnte mir ihren Gesichtsausdruck nur zu gut vorstellen.

»Bitte«, zitterte ich. »Bitte, geht einfach weg.«

Plötzlich griff eine kleine, zaghafte Hand unter der Toilettentür nach meiner und drückte sie. Durch den Spalt sah ich, dass Hailey mir zu liebe ebenfalls auf dem dreckigen Boden saß. Obwohl ich wusste, wie wichtig Sauberkeit ihr war, obwohl meine Panikattacke wahrscheinlich ihre ganze Tagesplanung gerade über den Haufen warf.

Ich schluchzte laut, klammerte mich dann an ihren Fingern fest und vergrub das Gesicht in den Knien. Meine Jeans war sofort eingeweicht, tränkte meine Haut in ein kühles Feucht. Haileys Daumen strich kleine Kreise über meinen Handrücken, die mich schließlich dazu veranlassten, jegliche Anspannung loszulassen. Erschöpft sackten alle Gefühle aus mir heraus, der Kloß wurde kleiner, der Druck in meiner Brust ließ nach. Ich weinte so sehr, wie ich seit zwei Wochen nicht mehr geweint hatte. Und das Schlimme war: Ich weinte zum ersten Mal nicht alleine.

Hailey und Ellen bekamen alles mit. Sie waren bei meinem Schmerz live dabei und somit war die Bombe geplatzt. Nun wussten sie, dass ich gelogen hatte. Nun wussten sie, dass mir Nolan nicht gleichgültig war und er mir mit nur einer einzelnen Begegnung solche Schmerzen zufügen konnte wie kein anderer.

Er hatte sich nicht mal bemüht, Rücksicht zu nehmen, mich einfach dort stehen gelassen und gegen die Wand gedrückt. Was war an diesem einen Wochenende passiert, dass er mich plötzlich so behandelte, dass ich ihm so egal wurde? Wieso konnte er mir keine Erklärung abliefern? Wieso musste er das unnahbare Arschloch spielen und die Zeit ignorieren, die wir zusammen hatten? Die vielen Lacher, tiefgründigen Unterhaltungen, die Küsse, die Berührungen. Die Stunden, in denen wir über unsere Schmerzen und Dämonen gesprochen hatten. Hatte ich mir die Bindung zwischen uns wirklich nur eingebildet?

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren meine Augenlider so stark angeschwollen, dass sie kaum noch eine Träne durchließen. Und doch rollte ständig wieder eine Neue über meine Wange. Meine Nase war verstopft und ich bekam kaum noch Luft. Haileys Hand entfernte sich schließlich von mir, als auch Ellens Boots sich von der Wand lösten und mit zwei großen Schritten entschlossen vor meiner Kabine Halt machten.

»Lace!« Sie klopfte lautstark an die Tür und klang ebenso besorgt wie Hailey, allerdings lag in ihrer Stimme etwas mehr Härte. Sie war bestimmend und kraftvoll, - und damit unmöglich zu umgehen. Ellen würde nicht lockerlassen.

»Es geht mir gut.«, log ich mit gebrochener Stimme. »Ich komme gleich raus, könnt ihr bitte einfach nur gehen?«

Ellen schnaubte verächtlich, dann stieß sie nochmal die Faust gegen die Tür. »Ich denke erst gar nicht daran, dich alleine zu lassen. Du bist ein Frack und das schon seit Wochen, also lass dir endlich helfen.«

»Mir kann niemand helfen.«, jammerte ich melancholisch und stieß erschöpft die Luft aus.

»Gott, du klingst ja schon wie Hailey damals mit Brandon!«, lachte Ellen, woraufhin sie einen zaghaften Tritt von unserer Freundin ans Schienbein erntete. Für eine Millisekunde, einen klitzekleinen Augenblick zuckten meine Mundwinkel. Doch das hätte ebenso ein eingeklemmter Nerv oder Magnesiummangel auslösen können.

»Mach jetzt bitte endlich die Tür auf.«, bat Ellen nun schon etwas ruhiger.

Für mich stand der Entschluss schon lange fest, früher oder später im Kampf gegen Ellen nachzugeben, allerdings blieb ich trotzdem noch ein paar Sekunden sitzen und tankte Kraft zum Aufstehen. Nun gab es keinen Ausweg mehr. Nun wussten sie, wie sehr ich litt und von nun an würde ich mich nicht mehr so leicht vor ihnen verstecken können.

Ich tupfte mein nasses Gesicht trocken, putzte mir meine Nase und atmete anschließend ein paar Mal tief durch, ehe ich schließlich aufstand und die Tür öffnete. Mit festem Blick auf den Boden drückte ich mich zwischen meinen Freundinnen hindurch zum Waschbecken, stützte mich dann darauf ab und tränkte mein hochrotes Gesicht schließlich in dem kühlen Wasser. Als ich einen Blick in den Spiegel warf, erkannte ich mich kaum wieder.

»Du siehst ziemlich scheiße aus.«, schmunzelte Ellen, als sie einen Arm um meine Schultern legte und mich durch den Spiegel betrachtete. »Und das nicht nur, weil du geweint hast. Seit Tagen kleisterst du dir diese Schicht Fake-Fröhlichkeit ins Gesicht und denkst ernsthaft, deine besten Freundinnen würden nichts merken.«

Ellen zeigte mir den Vogel und lachte, um die Stimmung aufzulockern. Doch ich hatte keine Kraft mehr, zu lachen, hatte keine Kraft mehr, zu weinen oder ihr Recht zu geben.

Kurzerhand schnappte sie sich ein Stück Klopapier, wischte mir die überschüssige Farbe aus dem Gesicht und zückte dann ihr Schminktäschchen. Während Hailey meine Haare richtete, verdeckte Ellen meine fleckige, verheulte Haut mit etwas Concealer. Und somit zauberten sie aus einer zerzausten Leiche schließlich wieder einen relativ ansehbaren Menschen.

»Für den Weg über den Campus zu meinem Auto sollte das ausreichen.«, musterte Ellen mich und verlieh dann mit ihrem Pinsel meinem Porzellangesicht den letzten Schliff.

Ich nickte ihr dankbar zu, schaffte es aber nicht zu mehr. Ich wollte hier einfach nur noch weg.

Hailey packte meine Tasche zusammen, während Ellen mich wieder zurück in den Flur führte. Wie zwei Bodyguards brachten sie mich sicher zu ihrem Auto. Ich bekam davon kaum noch etwas mit, hielt den Blick fest auf den Boden gerichtet und konzentrierte mich nur darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als würde ich das Laufen neu lernen, als hätte Nolan mein Herz von neuem zertrampelt, mich innerlich ermordet, mich zerstört.


Mein leerer Blick fiel auf die vielen tanzenden Tropfen auf meiner Fensterscheibe. Ich spielte Wettrennen mit ihnen und erinnerte mich an meine Kindheit. An die schönen Tage meiner Kindheit.

Nachdem Ellen und Hailey mich erfolgreich aus der Uni befreit hatten, hatte ich mich wieder ins Bett verschanzt. An den für mich momentan sichersten Ort. Hier konnte mich niemand finden, hier war es warm und hier konnte ich unbeschwert meinen Gefühlen freien Lauf lassen.

Das machte die Sache allerdings nicht weniger schmerzhaft.

Mein Hals kratzte vom vielen Weinen, meine Lippen waren eingerissen und brüchig, die Lider schwer und geschwollen und die Nase trocken und wund. Zu gerne hätte ich mir gewünscht, einfach aufzustehen, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen und den Vorfall mit Nolan zu vergessen. Doch dazu war ich noch nicht bereit. Sein Blick hallte in meinem Inneren nach. Der überraschte, zaghafte, verletzliche Blick, welcher einen Funken Freude besaß, aber so schnell wie ich blinzeln konnte, durch Wut und Gleichgültigkeit zunichte gemacht wurde.

Die Matratze unter mir wackelte etwas, ehe ich einen warmen Arm auf meinem Bauch fühlte. Vorsichtig drehte ich den Kopf in Richtung des Körpers, der sich an mich kuschelte, wobei mein Nacken schmerzte und die Halswirbel krachten. Wie lange hatte ich schon in dieser Situation verharrt? Wie spät war es?

Ein zierlicher Blondschopf vergrub das Gesicht in meiner Halsbeuge. Ich drückte ihre Hand, strich ein paar Mal über ihren Arm, ehe ich schließlich wieder den Blick aus dem Fenster warf.

»Ich weiß, ich habe eigentlich kein Recht dazu«, fing Hailey nach ein paar Minuten purer Stille an. »Aber vielleicht tut es dir ganz gut, wenn du mal redest und Frust ablässt.«

Ich spürte, dass sie sich aufrappelte und mir eine zerzauste Strähne aus dem Gesicht zog. Doch alles, was ich über mich brachte, war ein zaghaftes Kopfschütteln.

»Lace«, hauchte sie traurig und drückte meine Hand. »Du musst wirklich langsam mal-«

»Sag mir nicht, was ich zu tun habe.«, fauchte ich, warf ihr dann einen stählernen Blick zu und entdeckte dabei Ellen im Türrahmen. Ihre Arme hatte sie vor der Brust verschränkt, während sie traurig auf ihrer Unterlippe kaute.

»Und schaut mich verdammt nochmal nicht so an!« Ich weiß, wie zickig ich im Moment sein konnte. Ich weiß, dass mein Verhalten mehr als fehl am Platz war und ich es früher oder später bereuen würde. Doch im Moment nervte mich einfach alles. Konnten sie mich nicht bitte einfach in Frieden lassen?!

»Wie schauen wir dich denn an?«, entgegnete Ellen mir genauso forsch.

»Ellen, bitte.« Hailey warf ihr einen bösen, drohenden Blick zu. Doch Ellen ließ nicht locker.

»Mitleidig? Traurig? Besorgt? Ja, das tun wir, Lace. Denn du bist unsere Freundin und du bist im Moment nun Mal ein Häufchen Elend, das dringend Hilfe braucht. Schau dich doch mal an.«

Ohne den Blick von der kahlen Decke über mir zu nehmen, sah ich im Augenwinkel, dass Ellen ein paar Schritte näher trat und auf meinen verkrüppelten Körper deutete.

»Seit zwei Wochen rennst du nun schon so rum, vernachlässigst die Uni und dein komplettes Sozialleben. Ich weiß nicht mal mehr, wann du das letzte Mal auf dein Handy gesehen und hier aufgeräumt hast, geschweige denn diese Jogginghose mal gewaschen hast.«

Nun regte sich etwas in mir. Etwas schamerfüllt blickte ich an mir hinab, entdeckte ein paar verirrte Kekskrümel und Schokoladenflecken auf meiner Hose und klopfte sie dann von meinen Beinen. Doch das war mir egal. Ich mochte diese Jogginghose, denn sie blieb mir treu, verletzte mich nicht und beschwerte sich auch nicht.

»Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?!«, meinte ich bockig und vergrub dann mein Gesicht in den Kissen.

»Wir wollen dir nur helfen.«, flüsterte Hailey vorsichtig und streichelte mir dann ein paar Mal über den Hinterkopf.

»Ich brauche eure Hilfe nicht.«

»Oh doch, die brauchst du, Süße.«, lachte Ellen teils verächtlich, teils schmunzelnd. Schnurstracks hob ich mein Gesicht vom Kissen und warf ihr einen finsteren Blick zu. Hailey tat es mir gleich.

Doch das juckte Ellen nicht. Mit einem Mal zog sie meine Bettdecke unter mir hervor, streifte das Laken ab und schmiss es in den Flur. Dann schnappte sie sich mein Kissen, an welches ich mich wie ein kleines Kind festklammerte. Doch Ellen war stärker, entriss es mir und streifte auch davon schließlich das Laken ab.

»Es wird wirklich Zeit, dass du dich und deine Umgebung mal reinigst. Du stinkst.«

»Es ist mir egal, ob ich stinke!«, meinte ich bockig, drehte mich dann auf den Bauch und vergrub das Gesicht in meinen verschränkten Armen. Im nächsten Moment zog etwas an meiner Jogginghose.

»Nein!«, schrie ich und zappelte mit den Beinen, als Ellen versuchte, sie mir abzustreifen. »Ellen, lass mir meine Jogginghose!«

Hailey kicherte, als auch sie schließlich Hand anlegte und mir die Jogginghose von den Beinen zog.

»Du gehst jetzt Baden, Fräulein!«, befahl Ellen mir und warf die Hose schließlich auf den Haufen Wäsche, der sich in meinem Zimmer bereits breit gemacht hatte. »Wäschst dir diesen Quatsch aus deinem Gesicht, räumst hier auf und machst Platz für Neues in deinem Leben. Neue Gefühle, neue Erlebnisse, neue Typen.«

»Das ist nicht so einfach, wie du denkst, Ellen.«, fauchte ich und suchte dann zusammengekauert Schutz an meinem Kopfende.

»Dann machen wir es dir eben ganz einfach.« Sie stellte sich vor mich, reichte mir die Hand und fuchtelte damit vor meinem Gesicht herum. Verärgert betrachtete ich sie eine Zeitlang und verschränkte dann schließlich die Arme vor der Brust. Das lockte aus Ellen ein verräterisches Schmunzeln hervor.

»Du kannst jetzt einfach mit uns mitkommen und baden gehen, oder wir tragen dich mit Gewalt in die Wanne.«, schlug sie mir vor, woraufhin ich einen hilfesuchenden Blick zu Hailey warf. Doch diese schien genauso entschlossen wie Ellen und somit ließ ich schließlich klein bei und schleppte mich ins Badezimmer. Vielleicht tat ein Bad ja wirklich ganz gut.

Hailey opferte für mich eine ihrer schönsten Badebomben, ließ mir das Wasser ein und zündete ein paar Entspannungskerzen an. Ich hüllte mich in dem wohltuenden Schaum ein und spielte kurz mit dem Gedanken, mich einfach für immer in diese Badewanne zu verkriechen. Hier war es ebenso warm wie in meinem Bett und hier würde sich niemand über meinen Gestank beschweren.

Ein leises Klopfen holte mich aus meinen düsteren Gedanken hervor. Ellen trat gefolgt von Hailey entschlossen ein, ich schaffte es gerade noch, meine nackte Haut in dem Schaum zu verdecken. Hailey setzte sich an die Wand vor der Wanne und musterte mich schmunzelnd, während Ellen drei Shotgläser mit Tequila füllte.

»Was wird das?«, fragte ich skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ellen reichte mir und Hailey einen Tequilashot, kippte ihren dann selbst runter, ehe sie sich schließlich erneut einschenkte.

»Kipp das runter und fang an zu reden. Hier kannst du dich nicht so leicht verstecken.« Ellen deutete nickend auf mein Shotglas, während Hailey ihres schmunzelnd hob und den Inhalt mit quälendem Gesichtsausdruck in ihrem Mund verschwinden ließ.

»Ist das euer Ernst? Habt ihr mich deshalb in die Badewanne geschleppt, nur damit ihr mich dort konfrontieren könnt?«

»Trink einfach, Lace. Wenn ich das hinbekomme, dann du erst recht.«, befahl Hailey mir schließlich bestimmend, woraufhin ich sie etwas verwirrt musterte. Seit wann trank Hailey Tequila? Und seit wann war sie so hartnäckig und forsch? »Du kannst uns nichts mehr vormachen. Nicht nach der Aktion heute und davor sowieso nicht. Dachtest du wirklich, wir nehmen dir dieses Schauspiel ab?«

Meine sonst so liebe, schüchterne und zaghafte Freundin hob ihr leeres Glas und forderte Ellen damit auf, es von neuem zu füllen. Ellen grinste dabei nur stolz. Sie machte aus uns allen noch kleine Alkoholiker.

»Wenn ich eines von euch beiden gelernt habe«, fing Hailey nun beim zweiten Shot nochmal an. »Dann, dass ich mit euch immer reden kann. Ellen ist ein super, kaltes Arschloch, aber genau das brauchte ich in der Sache mit Brandon auch. Und von dir brauchte ich einfach nur ein offenes Ohr, eine Gleichgesinnte. Jemand, der wie ich schüchtern, fleißig und zurückhaltend sein kann, aber sich dazu entschieden hat, dieses Leben zu ändern und stark und machtvoll zu werden. In dieser Hinsicht warst du mein Vorbild, Lace. Auch wenn ich skeptisch und ängstlich um dich war, hätte ich auch gerne diesen Mut, den du damals gehabt hattest. Aber diesen Mut hast du verloren. Wenn du dich nicht in deinem stinkenden Zimmer versteckst, dann versuchst du, irgendwo reinzupassen, kleisterst dir ein dickes Lächeln auf und denkst dabei nur an die Meinung anderer. So wolltest du doch eigentlich nicht mehr sein. Also scheiß darauf, was andere denken, scheiß drauf, wie du aussiehst, ob du heulst oder Schwäche zeigst, und rede endlich mit uns. Dir wird es danach besser gehen, vertrau mir.«

Meine Augen wurden feucht, als Hailey ihre Rede schließlich beendete. Sie hatte Recht, sie hatte verdammt nochmal Recht.

»Cheers!« Ellen hob ihr Glas, ehrte damit Haileys Worte und brachte schließlich auch mich dazu, den brennenden Tequila in mich hinein zu kippen.

»Na gut«, ließ ich schließlich nach, schnappte mir dann die Tequilaflasche und kippte noch zwei weitere Shots in mein Inneres. Hierfür würde ich wirklich mehr brauchen. »Nolan ist ein totales Arschloch!«

»Das wussten wir schon.«, warf Ellen ein, als sie sich schließlich neben Hailey nieder ließ.

»Er hat sich verdammt noch mal -« Ein lauter Schluchzer hinderte mich daran, weiterzureden. Ich presste die Hand auf meinen Mund, doch Hailey kam mir sofort zur Hilfe.

»Lass es raus.«, forderte sie und reichte mir einen vierten Tequilashot.

Ich schluckte den medizinischen Geschmack hinunter, woraufhin sich der Kloß in meinem Hals in einen quälenden Seufzer auflöste. »Der Mistkerl hat sich einfach verlobt!«

Hailey sog zischend die Luft ein, Ellen schüttelte nur ungläubig den Kopf.

»Ich verstehe es einfach nicht.«, weinte ich. »Ich verstehe gar nichts mehr. Meine Welt ist so verwirrend. An einem Tag ist er liebevoll und ehrlich zu mir, am nächsten weist er mich einfach so von sich ab und verlobt sich mit seiner Freundin, die er doch eigentlich gar nicht liebt!«

Ich machte eine kurze Pause, atmete ein paar Mal tief durch und legte mir meine Worte zurecht, ehe ich schließlich weitersprach. »Ich meine, was soll die Scheiße!? Was für ein Mensch tut so etwas?! Wochenlang war er gut zu mir, hat mir gezeigt, dass ich ihm wichtig bin, dass er mich braucht. Er hat mir sogar Probleme aus seiner Familie anvertraut und Schutz bei mir gesucht. Er war so … verletzlich und ehrlich. Und dann meint er plötzlich zu mir, ich wäre nur für den Spaß gut gewesen. Das kann doch nicht alles gelogen sein. Ich glaube das einfach nicht. Das ist nicht der Nolan, den ich kenne.«

»Warte.« Hailey kratzte sich etwas verwirrt am Hinterkopf. »Meintest du nicht noch damals, dass er die Beziehung zu seiner Freundin ›klären‹ will?« Stirnrunzelnd malte sie mit ihren Fingern Gänsefüßchen in die Luft. »Ich dachte damals, er will mit ihr Schluss machen.«

»Das dachte ich ja auch!«, rief ich und fasste mir fassungslos an die Stirn. »Nach unserer gemeinsamen Nacht war da das Drama mit seinem Vater, dann hat er ihn wegge-«

»Warte, warte, warte.« Ellen fuchtelte verwirrt mit der Hand vor ihrem Körper und stoppte mich in meinem Redefluss. »Das Drama mit seinem Vater? Welches Drama?«

»Na das Drama halt.«, seufzte ich etwas angetrunken. »Sein griesgrämiger Schleim-Vater war an dem Morgen bei ihm, entdeckte mich in Nolans T-Shirt und verstand natürlich sofort, was los war. Er ist voll ausgerastet, hat mich als Schlampe beleidigt und meinte zu Nolan noch, dass er seine Beziehung mit Anna nicht wegschmeißen soll. Selbst da hat Nolan mich verteidigt und stand mir bei. Selbst da hatte er sich für mich entschieden.« Ich stieß meinen Kopf ein paar Mal an das harte Sanitäracyl, wobei mir Sterne vor die Iris traten. »Was zur Hölle hat sich in diesen zwei Tagen verändert, dass er Anna plötzlich nicht mehr verlassen sondern heiraten will?!«

»Der Gute sollte dir leidtun.«, meinte Ellen nach einer längeren Pause. »Sein alter Herr und seine Freundin haben ihn anscheinend so fest unter Kontrolle, dass er sich nicht mal mehr traut, seine Jugend auszuleben. Bald ist er verheiratet, gebunden und wird sein Leben lang nicht mehr glücklich werden.«

»Was ist, wenn er glücklich mit Anna und der Heirat ist?«

Ellen schnaubte verächtlich und legte dann lachend den Kopf in den Nacken. »Sei mal ehrlich, glaubst du das?«

Ich dachte kurz nach, schnitt dann unentschlossen eine Grimasse. »Ich weiß nicht, ich versteh-«

»Glaubst du, dass er glücklich mit der Entscheidung ist?«

»Ellen, ich weiß-«

»Was sagt dein Gefühl?«

»Nein! Ich glaube nicht, dass er glücklich ist. Aber das macht es nicht besser. Es verwirrt mich. Sein Handeln verwirrt mich total und ich weiß langsam nicht mehr, was ich glauben soll. Wenn die Zeit mit ihm echt war, dann ist er mit Anna definitiv nicht glücklich. Aber ich weiß nicht, ob sie echt war, weil all seine Taten und Worte widersprüchlich sind.«

Erschöpft lehnte ich mich über den Badewannenrand und vergrub das Gesicht in meinen Armen. Ich atmete ein paar Mal tief durch, spürte meinen kühlen Atem auf meiner nassen Haut und blinzelte die Tränen aus meinem Augenwinkel.

»Wisst ihr, was das Schlimmste ist?«, hauchte ich und lehnte mich dann wieder zurück an die kühle Wand. Kopfschüttelnd zog ich eine quälende Grimasse, ließ die Gefühle mich überrumpeln und breitete schließlich schulterzuckend die Arme aus. »Ich habe überhaupt kein Recht dazu, mich zu beschweren, denn ich wusste es von Anfang an. Ich wusste, dass Nolan nicht zu haben ist, ich wusste, auf was ich mich einließ und dass ich mich nicht verlieben durfte. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt lächelte er - und boom - war ich verloren.« Mit einem lauten Platschen ließ ich meine Arme zurück in das warme Nass fallen und erntete mitleidige Blicke von Hailey.

»Du kannst nichts für deine Gefühle, Lace. Nur, weil du dieses Wissen von Anfang an hattest, hat er nicht das Recht, sich wie ein totales Arschloch zu benehmen.«

Ich zuckte nur mit den Schultern. »Er war von Anfang an ein Arschloch gewesen. Ich wusste das. Ich wusste, dass er ein Betrüger ist und Mädchen gerne verarscht. Es war meine Schuld. Vielleicht ist das mein Karma für die Sache mit Luke.«

Ich warf den Blick in das trübe Wasser, das mich umhüllte, und zeichnete wirre Formen in den Schaum. Dabei erinnerte ich mich an den nächtlichen Schwimmbadeinbruch mit Nolan, spürte seine nasse Haut an meiner und schmeckte urplötzlich seine Küsse. Kaum zu glauben, dass das nun alles Vergangenheit sein sollte, dass ich mir die Gefühle nur eingebildet und er mich wahrscheinlich schon längst vergessen hatte.

»Nun, da hast du deinen lang ersehnten Fehler.«, schmunzelte Hailey schließlich.

Etwas verwirrt fand mein Blick den ihren. »Was?«

»Weißt du nicht mehr?«, fragte sie und zuckte mit den Schultern. »Du meintest damals zu mir, du bräuchtest einen Fehler, aus dem du lernen kannst. Jetzt hast du diesen Fehler gemacht und machst es das nächste Mal besser!«

Ich erinnerte mich an den Enthusiasmus, mein Leben und meine Einstellung umzukrempeln, den ich vor einem knappen Monat noch gehabt hatte. Damals war ich mutig, euphorisch und freute mich auf die Zukunft. Jetzt machte sie mir irgendwie nur noch Angst.

»Ich weiß nicht.«, jammerte ich und vergrub das Gesicht etwas schwankend in meiner Hand. »So groß hatte ich mir den Fehler nicht vorgestellt.«

»Umso größer, desto besser.«, meldete sich nun auch Ellen zu Wort, als sie ihren fünften Shot in sich reinkippte und anschließend von Hailey die Flasche abgenommen bekam.

»Ich will keine Fehler mehr machen, ich will einfach nur Nolan.«, jammerte ich angetrunken und zog eine bemitleidenswerte Schnute.

»Tja, Süße, genauso wie ich mich daran gewöhnen muss, dass Brandon nicht zu haben ist, musst du dich nun daran gewöhnen. Es ist hart und es wird auch lange Zeit schwer werden, aber das wirst du hinbekommen. Du hast schließlich schon ganz andere Dinge überstanden.«, versuchte Hailey mich aufzumuntern.

»Aber vielleicht will er Anna ja irgendwann nicht mehr und dann kommt er wieder zu mir zurück.«, träumte ich melancholisch, woraufhin ich von Ellen einen wütenden Blick zugeworfen bekam.

»Und dann wirst du ihn nicht mehr zurücknehmen.«, entgegnete sie mir befehlerisch.

»Aber-«

»Nichts aber!« Mit einem Mal hievte sie sich auf die Knie und krabbelte zu mir an die Badewanne, wo sie sich zu mir rüber lehnte und mich mit ihrem stählernen Blick durchbohrte. »Wenn dieser Mistkerl wieder ankommt, dann weist du ihn gefälligst ab, hast du das verstanden?«

Unsicher wandte ich den Blick auf meine wunden Knöchel, doch Ellen ließ nicht locker. »Lace, hörst du?« Mit einem Mal griff sie nach meinem Kiefer und zog meinen Kopf in ihr Sichtfeld. »Du bist keine verdammte zweite Wahl. Du bist die Erste und die Einzige und das darfst du niemals vergessen.«

»Ja, ja«, raunte ich ihr entgegen, spritzte sie dann mit meinem warmen Badewasser nass, damit sie mich endlich aus ihrem Todesgriff befreite. Hailey fing daraufhin laut an zu lachen und auch Ellen konnte sich ein genervtes Schmunzeln nicht verkneifen. Als Hailey sich allerdings ebenfalls auf alle Viere zog und sich zu uns vorlehnte, schwankte sie etwas und fiel laut lachend zu Boden.

»Ich glaube, ich habe Kreislaufprobleme.«, meinte sie schließlich panisch und hielt sich die Augen zu.

Ellen stieß einen verächtlichen Lacher hervor. »Du bist einfach nur besoffen!«

Nun konnte auch ich mich nicht mehr zurückhalten, prustete geleitet von dem Alkohol in meinem Blut und der Gesellschaft meiner beiden Chaos-Freundinnen laut los. Es war das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich wieder lachte, - ehrlich lachte. Und es fühlte sich so unglaublich gut an.

Hailey hatte Recht. Ich hatte die zwei besten Freundinnen, die man sich wünschen konnte. Ellen, die kühle, abgeschreckte und realistische Furie, die einem die harten Tatsachen auftischte und wirklich immer, - auch wenn die Wahrheit schmerzte, - ehrlich zu einem war. Und Hailey, die liebevolle, verkorkste und romantische Prinzessin, die mit einem weinen, lachen und wüten konnte, die meinen Schmerz teilte und ihn in sich aufnahm.

Und ich wusste, das hier war erst der Anfang. Ich wusste, es würde hart werden, - verdammt hart. Es würden Zeiten auf mich zukommen, in denen ich einen, zwei oder auch zehn Rückfälle erleiden würde, in denen ich in meinem Kummer ertrinken und all meine jetzige Fröhlichkeit in Frage stellen würde. Zeiten, in denen ich mich verstecken und verlieren würde. Doch ich wusste, wenn ich Ellens Schutzschild und Haileys auffangende Hände an meiner Seite hatte, würde ich jeden Sturm, jeden Streit und jede Begegnung mit Nolan überstehen.





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