• Sophia

Leseprobe - Saving Love

Um euch die Warterei bis zur Erscheinung ein Wenig zu versüßen, könnt ihr hier schon mal ein bisschen in Laceys Leben reinschnuppern :)



Prolog


Wer bin ich?

Eine eigentlich ganz simple Frage, stellt man sie nur zum richtigen Zeitpunkt. Manche würden sagen, sie wären extrovertiert, offen gegenüber anderen, würden gerne feiern und seien glücklich. Andere wiederum würden das Gegenteil von sich behaupten. Meinen, sie bräuchten nicht viele Menschen zum Leben, fühlen sich alleine viel wohler und meiden große Menschenmassen.

Stellt man denselben Menschen nach einer gewissen Zeit dieselbe Frage nochmal, würden die Antworten allerdings ganz anders ausfallen.

Sei es die extrovertierte Abschlussballkönigin, die merkt, dass es auch ganz angenehm sein kann, nur für sich zu sein, ein Buch zu lesen und mal nicht den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Oder der introvertierte Bücherwurm, der plötzlich Gefallen an der Gesellschaft anderer findet, feiern geht und sich neu entdeckt.

Veränderung ist hier das Zauberwort.

Wir alle verändern uns mit jedem Tag, jeder Minute und jeder Sekunde und sind heute ein ganz anderer Mensch, als wir morgen sein werden und gestern waren. Jeden Tag spielen wir eine andere Rolle, erschaffen eine neue Version von uns und biegen uns so, wie wir am besten zu der Person passen, der wir im Moment gegenüberstehen. Sei es die Mutter, die einen das Leben lang begleitet und bei der man stetig versucht, das Beste zu geben und ihrer Liebe gerecht zu werden; die beste Freundin, die eigentlich das komplette Gegenteil von einem ist, man aber für sie trotzdem versucht, Gefallen an Dingen zu finden, die man ohne sie niemals beachten würde; … oder der heiße Typ, der in einem Gedanken und Lüste weckt, die man vorher noch nie gespürt hatte und bei dem man den Drang bekommt, Dinge zu tun, verbotene Dinge, über die das Ich von gestern nur den Kopf schütteln würde.

Manche Menschen suchen ein Leben lang nach sich selbst und verzweifeln fast daran, ohne zu merken, dass man nie eine konkrete Antwort auf diese Frage geben kann. Denn es gibt Tausende, Millionen von Ich‘s auf dieser Welt: Das vergangene Ich, das Zukunfts-Ich. Das Ich in mir drin, das Ich, das andere von außen sehen. Das Ich, das ich gerne wäre und das Ich, das ich nie sein werde.

Komischerweise habe ich nicht lange gebraucht, um das herauszufinden. Ich begann, nach mir zu suchen, als ich dachte, mein bisheriges Leben nicht ich selbst gewesen zu sein. Probierte mich neu aus, tat Dinge, die mein vergangenes Ich niemals getan hätte, war dumm und naiv, machte Fehler und lernte daraus. Immer wieder merkte ich, dass mein altes Ich - das vernünftige und vorsichtige - versuchte, zu mir zurück zu kehren, warf Kommentare in meinen Kopf, die ich zu dem Zeitpunkt ignorierte. Und wer weiß, vielleicht hätte ich auf die Stimme hören sollen. Doch dann hätte ich vielleicht nie herausgefunden, wie schön es sein kann, etwas Verbotenes zu tun, sich begehrt und anziehend zu fühlen. Wie schön es sein kann, sich zu verlieben, auch wenn die Liebe verboten ist und ein Limit hat. Und ja, wie schön es sogar sein kann, verletzt zu werden. Denn das hieße, man habe ein liebendes Ich an sich gefunden. Ein Ich, das dazu im Stande ist, vollkommen und voller Hingebung zu lieben, sich zu opfern, zu vertrauen und Kontrolle abzugeben, sich dabei aber trotzdem treu bleibt.

Neben Nolan habe ich dieses Ich gefunden, dieses und noch Tausend andere, und bin dabei zu dem Menschen geworden, der ich heute bin. Ein Mensch voller Fehler und voller wunderschöner Stellen, ein Mensch mit Millionen von vielfältigen Seiten. Ein Mensch, der lernen kann, der Fehler eingestehen, über seinen Schatten springen und der vertrauen kann.

Und bei all den Schmerzen, den Tränen, den Niederlagen bereue ich keinen einzigen Moment mit ihm.

Denn dank ihm bin ich gewachsen, habe neue Seiten an mir entdeckt und liebgewonnen, die bis zu meinem 20. Lebensjahr noch nicht existiert hatten. Wir haben uns gegenseitig neue Versionen geöffnet, jede einzelne davon toleriert und uns mit diesen Versionen genommen und akzeptiert. Nolan hat in mir den Wunsch geweckt, mehr von mir zu verlangen, mich zu erforschen, und hat mich

aus meinem tristen alltäglichen Ich herausgeholt.

Er hat mich zu einem Menschen gemacht, der aus tiefster Seele lachen kann. Der albern kann, für neue Dinge offen sein und vertrauen kann. Ein Mensch, der verzeihen und zur selben Zeit lieben und hassen kann. Jemand, der die Möglichkeit hat, das zu sein, was auch immer er sein will. Egal, was andere denken. Egal, was andere von einem

erwarten. Egal, für wen ich mich bis dahin gehalten hatte.

Neben ihm habe ich gelernt, wie wunderschön es sein kann, sich selbst zu lieben.

Jede. Einzelne. Seite.


Wer ich bin? - Ich bin Alles.


Kapitel 1


Ein Jahr zuvor


Schweiß.

Alles, was ich spürte, war das kalte Nass auf meiner glühend bebenden Haut. Ich hatte Angst.

Aber nicht jene Angst, die ich vor acht Jahren verspürt hatte. Nein, diese Angst war anders. Sie war vermischt mit Reue, Trauer aber auch Vorfreude. Ich war dabei, einen neuen Schritt zu wagen, mein Leben neu zu definieren, - und das war mir vollkommen unbekannt.

Ich saß in Lukes kleiner Wohnung in Rugby, wäre aber lieber in meinem Bett. Gemütlich unter der Bettdecke versteckt, wo mich niemand fand und ich keine Fehler machen konnte. Doch diese Zeiten mussten ein Ende nehmen, sonst würde ich niemals erfahren, was das Leben sonst noch so Schönes bereithält.

Eine halbe Stunde Fahrtzeit hatte ich gebraucht, um zu Luke zu gelangen. 16 Jahre ein Leben unter Angst, vier Jahre versteckt in einer Beziehung – 20 Jahre, um zu merken, dass es im Leben um mehr geht, als Erwartungen zu erfüllen und perfekt zu sein.

»Was ist denn los?«, fragte Luke und rückte näher. Mit zittrigen Händen saßen wir auf seiner kleinen Couch. Seine Augen waren weit aufgerissen, er ahnte, was ich ihm zu sagen hatte. Und als ob es nicht schon schwierig genug war, musste er auch noch diesen unschuldigen Hundeblick aufsetzen, den ich an ihm so hasste.

»Ich weiß nicht mehr, wie das weiter gehen soll.«, antwortete ich und starrte auf meine Hände im Schoß.

Kitty, seine Katze, sprang auf das Sofa und legte sich zwischen uns. Zum ersten Mal war ich diesem Tier dankbar, dass es da war und verhinderte, dass Luke noch näher rückte. Ich konnte Katzen irgendwie noch nie ausstehen.

»Was heißt das jetzt?«

Vorsichtig traute ich mich zu einem Blick in seine Augen. Sein Brustkorb bebte, er bekam Panik. Für kurze Zeit spielte ich wirklich mit dem Gedanken, in seine Arme zu fallen und alles beim Alten zu belassen. Doch das tat ich nun schon seit über einem halben Jahr und ich wollte ihm nichts mehr vormachen. Ich wollte mir nichts mehr vormachen.

»Ich weiß nicht. Ich dachte, wir könnten das gemeinsam herausfinden.«, log ich und warf dann den Blick wieder auf den Boden.

»Also ich weiß, was ich will und das bist du! Ich muss über so einen Mist nicht reden!« Seine Stimme wurde pampig, - er war beleidigt.

Seufzend schloss ich kurz die Augen und bereitete mich innerlich auf die unausweichliche Diskussion mit ihm vor. »Wir sehen uns kaum noch-«

»Ja, weil wir so weit auseinander wohnen, du mich nicht sehen willst oder keine Zeit hast.«, schnitt er mir panisch das Wort ab. Punkt für ihn.

»Aber es macht uns beiden nichts aus, verstehst du das denn nicht? In einer Beziehung sollte man doch immer in der Nähe des anderen sein wollen, Sehnsucht haben. Aber uns kümmert es nicht, wenn wir uns mal nicht sehen.«

Mit einem Mal griff Luke über Kitty hinweg nach meiner Hand und verscheuchte somit die schützende Mauer, welche mir eigentlich dabei helfen sollte, stark zu bleiben. »Das ist doch nur wegen unseres Studiums, aber das überstehen wir auch zusammen! In ein paar Jahren, wenn wir mit der Uni fertig sind, können wir endlich zusammenziehen, eine Familie gründen!«

Bei seinen Worten wurde mir kotzübel. Er verstand einfach nicht, was ich ihm zu sagen versuchte. Es lag nicht an unserer Wohnsituation, an der fehlenden gemeinsamen Zeit oder dem Wunsch, bei ihm zu sein. Die Wahrheit war, dass ich die Distanz zu ihm wirklich genoss. Seit einem Jahr studierten wir nun schon in getrennten Städten, - er Wirtschaftswissenschaften in Rugby und ich bildende Kunst in Northampton, - und bekamen uns deshalb kaum noch zu Gesicht. Genau in dieser Zeit hatte ich gemerkt, dass ich Luke nicht mehr liebte, dass ich ihn nicht vermisste. Ich wollte noch nicht an das Gründen einer Familie denken, ich wollte mich noch nicht binden. Mein ganzes Leben lang war ich an meine Angst gebunden, hatte nichts riskiert und die Abenteuer und Erfahrungen nur so an mir vorbeiziehen lassen. Vor einem Jahr hätte ich die Vorstellung, mit Luke zusammenzuleben, zu heiraten und Kinder zu bekommen, noch wunderschön gefunden, doch da wusste ich auch noch nicht, was mir in meinem restlichen Leben wirklich gefehlt hatte.

»Luke«, hauchte ich erschöpft, woraufhin er nur hektisch den Kopf schüttelte und sich an meinem Handgelenk festkrallte. »Ich kann das einfach nicht mehr. Ich brauche Zeit für mich, um herauszufinden, was ich vom Leben möchte.«

»Das können wir doch zusammen herausfinden!«, weinte er. »Ich gebe dir all die Zeit, die du brauchst. Habe ich dir jemals Druck gemacht?«

»Nein, aber-«

»Ich habe dir bei allem geholfen, war immer für dich da. Schau doch nur, was wir gemeinsam überstanden haben!«

Allmählich spürte ich den unausweichlichen Druck hinter meinen Augäpfeln. Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde, ich wusste, dass Luke nicht so einfach locker lassen würde. Ja, er war immer für mich da gewesen und ja, er hat mir aus einer schlimmen Zeit herausgeholfen, wofür ich ihm mit meinem Leben dankte. Doch das letzte Jahr merkte ich auch, dass Luke nur ein hilfloser Schrei nach Liebe war. Eine Person, bei der ich mich sicher und geborgen fühlen wollte, ein Märchenprinz, der mich vor all den Risiken und Gefahren des Lebens beschützte. Und so traurig es auch war, eine Beziehung sollte nicht auf Angst oder dem Wunsch nach Schutz aufgebaut sein. Eine Beziehung sollte keine Festung sein, hinter der man sich das Leben lang vor den Gefahren der Welt versteckt.

»Möchtest du nicht auch mal etwas erleben? Meinst du nicht auch, dass es mehr auf der Welt zu entdecken gibt, als jedes Wochenende einen Filmeabend zu machen und um halb elf im Bett zu sein?«, fragte ich schließlich, woraufhin ich einen verwirrten Blick erntete.

»Für mich sind diese Stunden echte Erlebnisse, weil ich sie mit dir erleben darf.«, hauchte er liebevoll. Innerlich verdrehte ich die Augen.

»Ich meine, wirklich was erleben. Zum Beispiel mal eine Party zu besuchen« Er kräuselte bei meinen Worten die Nase. »Oder irgendetwas Verbotenes zu tun, etwas zu klauen.«

»Du möchtest etwas klauen?« Seine Augen waren weit aufgerissen, er war sichtlich schockiert.

»Nein, das war nur ein Beispiel.«, seufzte ich und vergrub dann das Gesicht in den Händen.

»Ich dachte immer, du machst dir nichts aus Partys, Alkohol und solchem Zeug. Du hattest Angst davor, wolltest nie rausgeh-«

»Ja!«, entgegnete ich ihm genervt. »Aber genau das war der Fehler! Ich muss mich meiner Angst langsam mal stellen, um herauszufinden, was ich vom Leben will. Woher soll ich wissen, dass mir diese Dinge nicht gefallen, wenn ich sie noch nie ausprobiert habe?«

Lukes Blick wurde ein wenig weicher. In seinen Augen stand das Wasser, doch langsam zeigte er ein sanftes Lächeln. »Dann lass uns diese Dinge gemeinsam erfahren.«

Hastig zog ich die Hand weg, welche er immer noch im Griff hatte, und stieß einen erschöpften Seufzer aus. »Du verstehst es wirklich nicht.«

»Doch, du möchtest eine Party besuch-«

»Nein, nein!« Entnervt krallte ich mich in meinen Haaren fest. »Darum geht es doch gar nicht. Es geht um mein ganzes Leben! Ich möchte einfach mal leben, ohne Angst zu haben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken und es anderen gerecht zu machen. Ich muss es endlich mal mir gerecht machen, auch wenn das heißt, dass ich mich dadurch von meinem gewohnten Umfeld lösen muss, dass ich andere verletzen muss. Doch diesen Weg muss ich alleine gehen.«

Bei meinem letzten Satz zuckte Luke zusammen, als hätte ich ihn soeben geohrfeigt. Für einen kurzen Moment blinzelte er in die Leere neben mir, überdachte meine Worte, bis sich schließlich wütende Falten zwischen seinen Brauen sichtbar machten und er meine Nachricht endlich verstand. Hektisch stand er auf und hastete in sein Zimmer. Er war sonst ein sehr ruhiger Mensch und hatte mir natürlich noch nie einen Grund dazu gegeben, vor ihm Angst zu haben, - dafür war er viel zu lieb, - und trotzdem bekam ich bei seinem Anblick nun eine leichte Gänsehaut.

Ich wusste doch selbst nicht, was ich wollte. Im Moment machte mir dieses ›Bis, dass der Tod uns scheidet‹ jedenfalls eine Heidenangst. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen, mein Leben zu verschwenden und in der Zukunft auf eine Zeit zurückzublicken, in der ich nichts erlebt und mich nur versteckt hatte. Mein Erzeuger hat mir den Großteil meines Lebens genommen, doch ich ließ nicht zu, dass er mir nun auch meine Zukunft nahm. Er hatte kein Recht, meine Angst zu steuern, er hatte kein Recht, zu bestimmen, was ich in meinem Leben verpasse. Die Zeit des Versteckens endete jetzt. Ich brauchte Spaß, brauchte Fehler, aus denen ich lernen kann, brauchte Risiken und Abenteuer. Im Leben ging es um mehr als mittelmäßigen Blümchensex und eintönige Spielabende am Wochenende.

Nachdem ich ein paar Minuten ins Leere gestarrt hatte, rappelte ich mich auf und klopfte leise an seine Zimmertür. Ehe ich öffnete, wartete ich ein paar Sekunden. Er lag auf seinem Bett, den Rücken mir zugewandt und tippte irgendetwas in sein Handy. Ich blieb im Türrahmen stehen.

»Kannst du bitte etwas dazu sagen?«, hauchte ich vorsichtig.

»Was soll ich dazu sagen?«

»Irgendetwas« Ich kam mir so blöd vor, fühlte mich hier plötzlich so fehl am Platz und wäre am liebsten der Situation entflohen. Doch dies gehörte nun mal dazu. Wenn ich mein Leben umkrempeln und meinen eigenen Bedürfnissen nachgehen wollte, waren solche unangenehmen Situationen nun mal unausweichlich.

»Ich habe alles für dich getan, war immer für dich da und habe dir alles gegeben, was ich konnte.«, weinte er und setzte sich dann auf. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Stimme gebrochen, was mich umgehend selbst zum Weinen brachte. »So dankst du mir dafür?«

Ein lauter Seufzer drückte sich durch meine enge Kehle. Luke hatte Recht, er war der beste Freund, den man sich wünschen konnte. Jedes Mädchen wäre froh gewesen, ihn zu haben. Er war perfekt, nur eben nicht für mich.

»Luke, ich werde dir niemals die Liebe geben können, die du mir gibst.«, presste ich hervor und stützte mich dann am Türrahmen ab.

»Das musst du doch auch nicht, ich möchte einfach nur dich. Du musst mir gar nichts geben!«

»Im Moment ist es mir aber wichtig, herauszufinden, was ich mir selbst geben muss, um glücklich zu werden. Ich muss mich einfach mal auf mich selbst konzentrieren.«

Laut weinend schmiss er sich in die Kissen und vergrub das Gesicht darin. Sein Körper bebte, er heulte wie ein kleines Kind, und ich musste den Drang unterdrücken, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Ich musste irgendetwas sagen, irgendetwas tun, um ihn zu beruhigen. So verzweifelt hatte ich ihn noch nie gesehen, er weinte ununterbrochen und löste in mir das schrecklichste schlechte Gewissen aus, das ich jemals gehabt hatte. Ich hasste es, Menschen zu verletzen, die mir wichtig waren. Luke war mir wichtig, denn auch, wenn er nicht der Richtige für mich war, war er doch trotzdem immer mein bester Freund gewesen.

Plötzlich machten sich Wörter in meinem Mund breit. Wörter, von denen ich wusste, dass ich sie sofort bereuen würde. Wörter, die falsch waren, die gelogen waren, seine Situation aber im Moment vielleicht bessern würden, - und ich konnte sie nicht aufhalten.

»Was hältst du von einer Pause?«, fragte ich schließlich und stieß mir dabei verärgert die Faust gegen die Stirn. »Vielleicht bessert sich ja meine Situation, wenn wir erst Mal nur eine Pause einlegen?«

Ich wusste, sie würde sich nicht bessern und ich hätte mich dafür ohrfeigen können, dass ich schon wieder einknickte.

Luke sagte nichts, weinte aber auch nicht mehr und schaute etwas erleichtert zu mir auf. Ich spürte, dass er von der Idee genauso wenig begeistert war, allerdings gab sie ihm ein Stückweit Hoffnung. Hoffnung, die ich zu einem späteren Zeitpunkt sicherlich wieder zunichtemachen würde.

Er antwortete nicht, schaffte es nur, sanft zu nicken und vergrub anschließend wieder das nasse Gesicht in seinen Kissen.

»Ich melde mich dann.«, meinte ich leise und ging ein paar Schritte rückwärts. Erst als er mich nicht mehr sehen konnte, vergrößerte ich mein Schritttempo und eilte zur Tür. Als ich an der frischen Luft war, hatte ich das Gefühl, endlich wieder atmen zu können. Erschöpft sackte ich auf den Fahrersitz und lehnte die Stirn an das Lenkrad.

Alles wird gut, versuchte ich, mich zu beruhigen. Es war die richtige Entscheidung.

Ja, ich liebte Luke schon lange nicht mehr und ja, ich musste nun anfangen, an mich zu denken, meine eigenen Bedürfnisse zu erforschen. Und doch, ihn so zu sehen, bereitete mir einen solch tiefen Schmerz in der Magengrube, dass ich kaum mehr atmen konnte. Und das Schlimme war, ich war noch nicht fertig mit ihm. Nein, denn so schwach wie ich war, schwatzte ich ihm diese lächerliche Pause auf und machte ihm dadurch nur noch mehr Hoffnungen.

Wütend hämmerte ich meine Stirn ein paar Mal ans Lenkrad. Wie würde ich aus dieser Situation nur wieder herauskommen? Wie würde ich es übers Herz bringen, mich endgültig von ihm zu lösen? Ich war einfach zu schwach, hatte zu wenig Selbstbewusstsein dafür und brauchte in diesen Dingen dringend Nachhilfe.

Für kurze Zeit starrte ich auf seine Haustür und spielte mit dem Gedanken, noch einmal auszusteigen und die Beziehung nun doch endgültig zu beenden. Dann hätte ich es wenigstens hinter mir. Doch ich schaffte es nicht. Der Sitz krallte sich an mir fest, wollte mich nicht gehen lassen.

Vier Jahre waren wir zusammen gewesen. Wer hätte damals gedacht, dass unsere Beziehung irgendwann Mal in die Brüche gehen würde? Nun, ich glaube niemand. Denn ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, in der jeder behauptete, wir seien das perfekte Pärchen, mit perfekten Aussichten auf eine wundervolle Hochzeit und wundervollen Kindern. Das waren die Erwartungen der anderen, die ich versuchte zu erfüllen. Doch was waren meine Erwartungen?

Wollte ich überhaupt perfekt sein?

Wollte ich überhaupt irgendwann mal heiraten? Kinder bekommen? - Ich wusste es nicht.

Luke und ich hatten langweilige Vorstellungen unserer Zukunft. Wir stellten uns nur das vor, was man von uns erwartete. Was die Gesellschaft von uns erwartete. Unternahmen nie etwas Aufregendes oder Außergewöhnliches, was zu Beginn auch eigentlich genau der Grund gewesen war, weshalb ich mich in ihn verliebt hatte. Denn Luke stellte kein Risiko dar, er war meine Sicherheit, würde mich niemals so verletzen, wie mein Erzeuger es tat. Doch außerhalb dieser Sicherheit musste es doch mehr geben. Dinge, von denen ich mich bisher strikt ferngehalten hatte, denn sie stellten entweder ein Risiko dar oder verlangten Stärke von mir. Und ich war nicht stark, - noch nicht.

So hart es für Luke und so angsteinflößend für mich auch war, musste ich diesen Kampf alleine kämpfen. Der Kampf gegen meine Angst. Der Kampf gegen mein bisheriges Ich. Der Kampf gegen meine Vergangenheit.

Und der Kampf, endlich wieder von ganz alleine auf die Beine zu kommen.


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